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Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

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Khalni Hydra
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Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Khalni Hydra »

Eine reine Interessensfrage. Da DE ja in der glücklichen Position ist, kaum über Endemiten zu verfügen (die Rotbuchen gibt es auch in Frankreich und Polen), ist ein Aussterbeereignis in DE meist kein globaler Verlust. DE wendet im Vergleich zu vor hundert Jahren ganz andere Kräfte auf, um die Artenvielfalt zu schützen und Aussterbeereignisse zu verhindern, so wurde dem Schierlings-Wasserfenchel (Oenanthe conioides) ein großes Ausgleichsgebiet zugesprochen, als man im Rahmen der Elbvertiefung mit der Zerstörung der Auenlandschaften beginnen wollte.

Doch wie sieht das aus mit Arten, welche einst heimisch waren, ausgerottet wurden, aber es noch auf der Welt gibt und die theoretisch hierzulande noch Lebensraum hätten? Wie geht man davor? Gibt es da Wiederansiedlungsprojekte und Planungen, bestimmte oder alle wieder anzusiedeln?

Bei Wiki stehen einige Arten, welche noch immer als in DE ausgestorben gelten. z.B.

Orchis spitzelii
Crassula aquatica
Silene viscosa
Euphorbia epithymoide
Ononis natrix
Dracocephalum ruyschiana
Lolium temulentum

Meist sind das Arten, welche lediglich einen Vorposten hatten, der dann vernichtet wurde, ansonsten aber im übrigen Verbreitungsgebiet noch sehr häufig sind. Unabhängig der obigen Fragen, würdet ihr es für sinnvoll erachten, die alle wieder anzusiedeln?
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Anagallis
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Anagallis »

Ach, das Problem ist ja nicht, daß Arten aussterben, sondern daß in großem Stil Biotopsflächen vernichtet wurden und immer noch werden. Trotz der von-der-Leyen'schen großspurigen Sprüche, 30% der Fläche der EU sollten Naturschutzgebiete werden, geht die Flächenvernichtung weiter. Sehr viele Arten sind zwar auf dem Papier noch nicht ausgestorben, aber auf ganz wenige Stellen zurückgedrängt. Dann läßt sich mit geringem Pflegeaufwand Artenschutz simulieren, ohne daß sich am grundlegenden Problem etwas ändert. Wir bewegen uns doch auf einen Zustand hin in dem viele Arten nur noch in wenigen NSG existieren, die eine Art Museumsfunktion erfüllen und so ein Deckmäntelchen zur Verschleierung des Artensterbens bieten. Arten wiederanzusiedeln ohne die Biotope wiederherzustellen ist wenig erfolgversprechend.
jake001
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von jake001 »

Und privat neue Ansalbungen ferner Genotypen vorzunehmen hat ökologisch begrenzt Sinn.
Dann gibt es zwar wieder Museumsobjekte, für die man nicht so weit fahren muss, aber die Erhaltung der genetischen Diversität ist damit nicht gelungen. Schlimmer noch. Wenn noch Restpolulationen vorhanden sind, werden diese verwässert.
Kraichgauer
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Kraichgauer »

Das da oben sind ganz verschiedene Fälle, die man nicht über einen Kamm scheren kann:

z. B. Ononis natrix ist am Mittelmeer weit verbreitet und hatte hier mal eine Zeitlang einen Vorposten, von dem noch nicht mal sicher ist, ob er wirklich heimisch ist. Hier sind Schutzmaßnahmen oder Auswilderungen wenig oder kaum sinnvoll. Ähnlich ist es mit Euphorbia epithymoides oder Crassula aquatica.

Lolium temulentum, Cuscuta epilinum und Silene linicola sind weltweit in freier Natur ausgestorben, weil es keine Flachsäcker mehr gibt. Alle drei Arten werden erfolgreich in Erhaltungskultur in botanischen Gärten kultiviert. Wiederausbringung in freie Natur hätte ohne Flachsäcker keinen Sinn und hätte rein museale Bedeutung.

Orchis spitzelii ist seit dem 19. Jahrhundert verschwunden, und man könnte sie allenfalls wieder aus weit entfernten Populationen (Salzburg) ansiedeln, wenn man denn mehr über ihre Biotopansprüche wüsste. Das macht also auch keinen Sinn.

Androsacea maxima ist in freier Natur verschwunden, wird aber in der Pfalz auf (von Naturschützern betriebene) "Wildäcker" wieder ausgesät. Das funktioniert aber immer nur kurzfristig.

Etwas anderes ist es dagegen, wenn die Arten noch existierende, heimische Vorkommen haben und vor allem dann, wenn die Vorkommen in Deutschland das Hauptverbreitungsgebiet der Art darstellen. Hier lohnen sich dann Förderungs- und Schutzmaßnahmen, evtl. sogar Vermehrung und Wiederansiedlung auf jeden Fall. Gute Beispiele dafür sind Dianthus gratianopolitanus, Saxifraga rosacea ssp. sponhemica, Iberis linifolia ssp. boppardensis, Elymus arenosus und viele andere. Aber all das geht nur, wenn erst mal die Biotope deutlich verbessert werden - sonst wären die Arten ja nicht zurückgegangen oder verschwunden.
Bei Apium gravolens hat der BoGa Karlsruhe mal die letzten Exemplare in Nordbaden vermehrt und sie wurden erfolgreich ins (stark verbesserte) Ersatzbiotop ausgesiedelt.
Bei Potentilla rhenana wurden die letzten 2-3 Exemplare in Erhaltungskultur genommen und erfolgreich vermehrt und wieder ausgesiedelt. Das ist aber bei der collina-Gruppe mit den äußerst lokalen Formen ein Spezialfall, bei dem so was funktionieren kann.
Viola schultzii ist am Ort des Wiederfindens bei Gottmadingen anscheinend wieder erloschen, aber die haben wir aus Nachzucht in etlichen botanischen Gärten verbreitet. Aber wir haben sie absichtlich nicht wiederausgesiedelt, denn da weiß man zu wenig darüber. Erhalten wird sie aber.

Solange wir aber nicht mal hinbekommen, die noch existierenden Populationen von bedrohten Arten zuverlässig zu schützen, brauchen wir uns auch nicht über die Wiederansiedlung Gedanken machen.

Fazit: jeder Fall ist anders. Aber "Museum" macht auch keinen Sinn.

Gruß Michael
Marlies
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Marlies »

Zweifellos ist Biotopschutz das A und O für den Artenschutz, doch zuweilen fehlen mir da vernünftige Konzepte. Es ist z.B. allgemein bekannt, dass für die Trockenrasenpflege Schafbeweidung das Mittel der Wahl und durch nichts zu ersetzen ist. Wer soll das aber machen, wenn immer mehr Schäfer - vor allem solche im Nebenerwerb mit kleinen Herden - wegen der Wölfe aufgeben? Das ist keine Einbildung oder Schwarzmalerei, sondern in meinem weiteren Umfeld bereits passiert.
Man wird sich überlegen müssen, was man haben will. Beides zusammen geht in einer Kulturlandschaft nicht.
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Hegau
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Hegau »

Kraichgauer hat geschrieben: 13.05.2022, 15:45 Viola schultzii ist am Ort des Wiederfindens bei Gottmadingen anscheinend wieder erloschen, aber die haben wir aus Nachzucht in etlichen botanischen Gärten verbreitet.
und was ist das dann (vor 2 Wochen am Gottmadinger Fundort)?

Gruß Thomas
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Online-Exkursionsflora für den Alpenraum http://www.tkgoetz.homepage.t-online.de ... ahome.html

Bestimmungsschlüssel und Kartierung der Laufkäfer Baden-Württembergs http://www.tkgoetz.homepage.t-online.de/Laufkaefer.html
Kraichgauer
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Kraichgauer »

Ach! Ich war früher im Jahr kurz dort und habe nix gefunden, aber auch nicht lange gesucht. Schön, dass die noch da ist. Gruß Michael
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Anagallis
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Anagallis »

Ja, um Ostern war da noch kein Blatt zu sehen.
Khalni Hydra
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Khalni Hydra »

Ok, vielen Dank für die Antworten.

Ich wusste nicht, dass bedrohte oder in der Wildnis ausgestorbene Arten in Erhaltungskulturen oder Bogas überdauern, bis man sie wieder einsetzt, ich dachte, die Ononis natrix überlebt z.B. in Italien und von einer dortigen Population wird dann, wenn dann ein Weinberg in Süddeutschland zum NSG erklärt wird, dort eingepflanzt, um dort wilde Populationen zu bilden.

Das war offensichtlich völlig verkehrt, sondern solche Arten lässt man dann in Italien und siedelt sie nie wieder an, es sei denn sie kommen von selbst. Wie ist das dann, wenn die Ononis Natrix in ihrer Heimat droht auszusterben, ändert das daran etwas, da sie ja hier immerhin mal vorkam?

Ihr sagt, NSGs haben Museumsaspekte, wie genau sollen solche spezialisierten Arten denn sonst vorkommen, wenn nicht in einem Gebiet, was nicht großartig gestört/bewirtschaftet wird? Aber sind solche kleinen Perlen der Artenvielfalt nicht trotzdem noch besser als Aussterbeereignisse oder wenn die Arten ausschließlich in Erhaltungskulturen anzutreffen sind?

Sollen Orchideen auf Weizenfeldern vorkommen? Es würde mich echt interessieren, wie ihr die Verbreitung der Arten gerne hättet.

LG Khalni Hydra
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Anagallis
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Anagallis »

Khalni Hydra hat geschrieben: 17.05.2022, 13:24 Ihr sagt, NSGs haben Museumsaspekte, wie genau sollen solche spezialisierten Arten denn sonst vorkommen, wenn nicht in einem Gebiet, was nicht großartig gestört/bewirtschaftet wird?
Die Frage beinhaltet zwei Denkfehler: Zum einen ist der Naturzustand Deutschlands flächendeckender Wald. Ohne menschliches Zutun verschwinden die allermeisten Arten wieder. Beispiel: Auf einer Skipiste in den Vogesen kommen sämtliche hiesigen Arten Flachbärlappe vor sowie praktisch alle Hybriden. Dann dachte sich jemand, diese Populationen müsse man schützen. Nun ist die Skipiste ein unbewirtschaftetes NSG, das langsam vom Heidekraut überwuchert wird. Der Lebensraum der Flachbärlappe ist drastisch geschrumpft.

Zum anderen sind die NSG viel zu klein und zu isoliert, um Bestände dauerhaft zu sichern, und zwischen den Schutzgebieten wurde die Natur mittlerweile gründlich ausgeräumt. Deutschland hat außerdem schon seit Jahren Ärger mit der EU, weil nicht genügend NSG ausgelobt werden und die vertraglichen Verpflichtungen nicht erfüllt werden.
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botanix
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von botanix »

Khalni Hydra hat geschrieben: 17.05.2022, 13:24 Sollen Orchideen auf Weizenfeldern vorkommen? Es würde mich echt interessieren, wie ihr die Verbreitung der Arten gerne hättet.
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alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt
Khalni Hydra
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Khalni Hydra »

Ok, das Bild finde ich stark, hätte gedacht dass die das Glyphosat nicht überlebt.

Verstehe, also mehr NSGs und diese besser vernetzen. Dazu nicht in jedem NSG nicht einfach gar nichts machen, sondern im Rahmen der Arten, welche geschützt werden sollen entsprechende Eingriffe und Monitoring durchführen.

Und angenommen in Süd DE wird jetzt ein Weinberg geholzt und als NSG für Halbsträucher wie z.B. Edel-Gamander eingerichtet. Ist es sinnvoll dort dann die ausgestorbene Ononis natrix auszuwildern oder muss die dann von selbst kommen? Sorry wenn ich nerve, aber ich will das gerne verstehen.
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botanix
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Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von botanix »

Hallo,
dieser Fund von Epipactis helleborine im Getreidefeld hat unsere Exkursion auch sehr verwundert, zumal kein Wald angrenzend, sondern nur in 10 Metern Entfernung ein schmaler Gehölzstreifen am Radweg. Dort sahen wir aber keine Pflanzen.
Aber zu deiner NSG Frage:
Sinn der NSGs ist den Lebensraum bedrohter Arten zu erhalten und, wenn möglich zu verbessern. Arterhaltung ohne Lebensraum geht nicht. Dazu können verbuschte Wiesen entbuscht werden, aufgegebene Beweidung wieder durchgeführt werden, der Wassermangel von Mooren durch anstauen vermindert werden, auch Besucherlenkungen (weniger Störungen) gehören dazu, sehr vielseitiges Thema. Erschwert wird der Erhalt durch den Klimawandel, Stickstoffeintrag, Besucher, veränderte Bewirtschaftungsweisen (die aber auch den veränderten Bedingungen angepasst werden müssen). Die Verinselung der Lebensräume (besonders der NSGs) durch menschliche Maßnahmen und die damit verbundene genetische Isolierung ist ein weiteres Problem.
NSGs sind aber keinesfalls Orte, an denen seltene oder ausgestorbene Arten einfach wieder gepflanzt werden dürfen! Stichwort dazu: Wiederansiedlung. Dafür gibt es Vorgaben: die ausgestorbene Art muß hier oder in der Umgebung ehemals vorgekommen sein. Die Erhaltungskultur muss den gleichen Bezugsraum haben, idealerweise vor Ort entnommen und vermehrt werden, auch zur Populationsstützung.
Ansalbung nennt man das Ausbringen von Pflanzen ohne Genehmigung, auch wenn die Art mal hier vorkam. Meist handelt es sich aber um Pflanzen ohne den Gebietsbezug, das ist unerwünscht. Urlaubsmitbringsel(…Orchideen) oder Gartenpflanzen im NSG anzupflanzen, weil sie so schön und selten sind, ist Florenverfälschung und strafbar. Leider sind in vielen NSGs Ansalbungen zu beobachten, aber auch Vögel können Samen von gebietsfremden Arten aus nahegelegenen Siedlungen eintragen, z.B. Cotoneaster, Berberis, Taxus, Viburnum, Prunus serotina uam.
Einen Lebensraum für bedrohte Arten zu erhalten ist eine schwierige Aufgabe. Noch viel schwieriger ist es aber einen zerstörten Lebensraum zu renaturieren. Auch mit viel Geld und schweren Maschinen können wir keine Lebensräume „erschaffen“, dafür sind die biologischen Beziehungen, von der Alge, Mikrobe, Pilz bis zur Pflanze, Vogel, Säugetieren viel zu komplex. Leider glauben das manche Leute, Stichworte Ausgleichsmassnahmen, Ökopunkte, Renaturierung. Das ist oft nur Augenwischerei.
Über das Thema könnte man endlos debattieren.
Gruß
Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt
Maltus
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Registriert: 26.05.2019, 21:54

Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von Maltus »

Hallo Peter,
du schreibst:

"Noch viel schwieriger ist es aber einen zerstörten Lebensraum zu renaturieren. Auch mit viel Geld und schweren Maschinen können wir keine Lebensräume „erschaffen“, dafür sind die biologischen Beziehungen, von der Alge, Mikrobe, Pilz bis zur Pflanze, Vogel, Säugetieren viel zu komplex. Leider glauben das manche Leute, Stichworte Ausgleichsmassnahmen, Ökopunkte, Renaturierung. Das ist oft nur Augenwischerei."

Ich kann alles unterschreiben, was du davor geschrieben hast. Aber warum siehst du in diesem Punkt so schwarz? Ich meine, zerstörte Lebensräume zu renaturieren ist die beste Strategie, den von dir ganz richtig geschilderten Problemen (Verinselung der Lebensräume, genetische Isolierung) zu begegnen. Es kommt immer nur aufs Konzept an - und darauf, wie man es langfristig umsetzt. Beispiel Lech-Schotterheiden rund um Augsburg: Die sind über Jahrhunderte durch Entwaldung, Mittelwaldbewirtschaftung, Beweidung als dominierende Kulturlandschaft in der Region entstanden und erhalten geblieben, bis sie im Lauf des vorigen Jahrhunderts durch Nutzungsänderung aus vielerlei Gründen nahezu verschwunden sind - und mit ihnen viele der seltenen Arten, die sie beheimatet haben. Der verbliebene Rest der Lechheiden: vom Umfang kümmerlich - und auch sie immer gefährdet durch dem Naturschutz entgegenstehende Interessen. Um die Jahrtausendwende hat man begonnen, hier und da Ausgleichsflächen zu schaffen: "Heiden aus zweiter Hand". Indem man (mit schweren Maschinen) Humus abgetragen und die Flächen mit Mähgut bestehender Lechheiden geimpft hat. Die Ergebnisse sind wirklich erstaunlich und geben Anlass zur Hoffnung. Natürlich ist nicht alles Gold - es gibt immer ein paar, die gut meinend das Verkehrte tun (Ansalben, siehe den Beitrag neulich zu Gentiana acaulis), und die fast aufgegebene Wanderschäferei wiederzubeleben (die beste Art der Biotoppflege), dafür bedürfte es intensiver staatlicher Förderung (was gut investiertes Geld wäre). Aber die Flächen werden gepflegt (da gibt es viele helfende Hände: Landschaftspflegeverbände, Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz, Arbeitskreis Heimische Orchideen, AG Naturschutz des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schwaben ...), und wenn du auf manchen dieser Flächen stehst, kannst du beim besten Willen diese "neuen" Lechheiden nicht von den alten unterscheiden. Durch die neuen Flächen sind einige Florenbrücken entstanden, die die Distanz zwischen den alten Heiden verringern - es sollten nur noch viel mehr werden!
Freundliche Grüße
Georg
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botanix
Beiträge: 4203
Registriert: 31.05.2007, 20:31

Re: Was passiert mit ausgestorbenen Pflanzenarten in DE?

Beitrag von botanix »

Hallo Georg,
das abschieben der Schotterflächen ist eine Möglichkeit solche Ausgangsflächen für Heiden auf Flußschottern wieder bereitzustellen. Das es funktioniert streite ich nicht ab. Das sind Projekte, die ich auch positiv sehe. Andernorts werden Summen allerdings verpulvert. Ich denke nur an die "Renaturierung" der Mündung eines Baches hier in den Fluß. Mit schweren Maschinen wurde ein kleines Mündungsdelta geschaffen, an den Flanken wurde Kies aufgeschüttet, um magere Flächen zu schaffen. Weder Bach noch Fluß haben die Möglichkeit hier in Straßen- und Stadtnähe Dynamik zu entfalten. Ende vom Lied: der eutrophierte Bach (fließt mitten durch die Stadt) liefert soviele Nährstoffe, dass bald alles dicht bewachsen war, Weiden wuchsen sogleich auf. Der positive Startimpuls war schnell dahin. Erschwerend kommt hinzu, das in den letzten Jahren praktisch keine schweren Hochwässer für Umgestaltungen gesorgt haben, die Dynamik fehlt. Gleiches konnte bei der Umgestaltung eines Kiessabbaus beobachtet werden: offene Kiesflächen am Anfang, nach zehn Jahren hatten die Weiden das Gebiet fast vollständig erobert. Neu abgeschoben und modelliert, Rinderbeweidung. Aber mangels starker Hochwässer keine Kiesumlagerungen. Zuviele Nährstoffe, es wächst wieder zu. Denk nur an die Truppenübungsplätze, die nach Aufgabe des Übungsbetriebs zu NSGs wurden, Panzer hatten immer wieder für Bodenverwundungen gesorgt, die Größe der Gebiete hat auch einiges abgepuffert. Aber heute wühlen keine Panzer mehr, die Schäfer gibt es nicht mehr, die Flächen müssen anders offen gehalten werden (na ja, vielleicht wühlen die Panzer bald wieder..)
Steinbrüche, Kies- und Sandgruben, die nach dem Ende des Abbaus (und teils schon vorher) mit Bauschutt uam vollgeschüttet werden, dicke Schicht Erde drüber, ein paar Bäumchen drauf, fertig renaturiert. Die Chance einen nährstoffarmen Lebensraum entwickeln zu können verschenkt.
In Darmstadt hat man versucht eutrophierte Flugsanddünen / Sandäcker zu restituieren. Dazu wurden die Böden auf drei Meter Tiefe quasi umgekehrt, unbelasteter Sand aus der Tiefe nach oben, die alte Oberschicht nach unten. Funktioniert. Doch wielange hält der Effekt, wie oft kann man solche Umschichtungen machen? Wann werden die Lechheiden das nächste Mal abgeschoben werden müssen?
Der Stickstoffeintrag ist ein großes Problem, das unbedingt angegangen werden muss. Leider nicht das Einzige. Wir verbrauchen zuviel von Allem.
Gruß
Peter
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