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Adventivfunde melden oder nicht?

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Anagallis
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Adventivfunde melden oder nicht?

Beitrag von Anagallis »

Wie handhabt Ihr das? Beispiel: Heute in der Gegend auf dem Römerberg in Dietlingen Centaurea dealbata gefunden. Standort an einer Wegböschung, rechts unparzelliertes Gebüsch (dort die Pflanzen), links Gartengrundstücke. Auf dem ganzen Berg wechseln sich Gebüsche, Gärten, Brachflächen, ehemalige Gärten und Wald ab. Eine Kollegin meldet alles, was sich zehn Zentimeter außerhalb einer Umfriedung befindet. In einem Schrebergartengebiet hätte ich mit den Schultern gezuckt, "aha" gesagt und wäre weitergegangen.

Andere Frage: Hat es einen Sinn, Verwilderungen oder Nahverwilderungen zu melden, wenn keinerlei Chance besteht, daß sich dort ein stabiler Bestand bildet? Beispiel: Junger Goldregen ebenda auf einer unbewirtschafteten Hangwiese unter einem Laubbaumbestand; stark beschattet, praktisch keine Chance, sich gegen die Konkurrenz durzusetzen.
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botanix
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Re: Adventivfunde melden oder nicht?

Beitrag von botanix »

Hallo,
warum denn nicht? Jeder Neophyt ist irgendwann und irgendwo das erste Mal beobachtet worden. Auch wenn im Moment für das beobachtete Vorkommen keine Chance (Etablierungstendenz) gesehen wird, man dokumentiert damit doch, dass die Pflanze es am richtigen Platz vielleicht könnte. Die als Timelag bezeichnete, teils 100 Jahre dauernde Zeitspanne, bis sich eine Art nach der ersten Beobachtung beginnt zu etablieren, bekommt damit einen Startpunkt und weitere Beobachtungen dokumentieren die Entwicklung. Bei Nichtbeachtung der Neulinge gibt es sonst das Phänomen, das sich eine Art "urplötzlich" im Land verbreitet. Aber natürlich muss sich eine Art nicht zwangsläufig etablieren, manchmal bleibt sie unbeständig, manchmal verschwindet sie nach Jahren der Etablierung wieder. Wie will man solche Entwicklungen beurteilen, wenn niemand etwas dokumentiert?
Schon die Registrierung von Selbstaussaat im Garten ist ein erstes Zeichen für das potentielle Vermögen einer Art, sich vielleicht auch außerhalb zu behaupten. Ein regelmäßig gemähter Scherrasen ist für die Etablierung eines Gehölzsämlings (bis auf kriechende Zwergformen) denkbar ungeeignet. Aber nebenan im Sträucherbeet würde es funktionieren oder in einer Mauerritze usw.
Ich sehe in der Notiz solcher Ansätze selbst im Garten auch nichts Verwerfliches, das sind die Anfänge. Was ist auch der Unterschied zwischen 10 cm vor und hinter der Gartenmauer? Der Ameise, die den Samen verschleppt hat, dem Vogel der die Beere gefressen hat, völlig wurscht, der Pflanze auch, Hauptsache sie kann sich entwickeln.
Wenn man im Garten oder nahe dran nichts notieren dürfte, dann müssten ja auch alle "Unkräuter" dort unbeachtet bleiben. Ob einheimischer Giersch oder etablierter Neophyt Persischer Ehrenpreis. Das Argument Kulturfläche, ohne menschliche Eingriffe würde alles zuwachsen, halte ich für überzogen. Dann müsste man auch die Felder draußen unbeachtet lassen, ohne den wiederholten Umbruch hätten Acker-Ziest und Co. keine Überlebenschance.
Gruß
Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt
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Anagallis
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Re: Adventivfunde melden oder nicht?

Beitrag von Anagallis »

Okay, aber was ist der Erkenntnisgewinn daran, wenn eine Art aus dem Handel im Jahr X neben einem Gartenzaun beobachtet wird und sich im Jahr Y plötzlich im Land verbreitet. Erstens kann man keine Verbindung herstellen zwischen "wurde im Jahr X in Gärten gepflanzt" und "ist im Jahr Y invasiv". Zweitens kann es doch nicht Aufgabe der Kartiererinnen sein, das Angebot der Gartenmärkte zu überwachen?
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botanix
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Re: Adventivfunde melden oder nicht?

Beitrag von botanix »

Hallo,
Ich sehe die vielen Sämlinge des Kirschlorbeers unter den gepflanzten Altsträuchern und im Garten unter der Hecke, den Rosen usw., wohin sie durch Vögel verschleppt wurden. Ich sehe sie auch unter Nachbars Hecke und dann wundert es mich nicht, auch im siedlungsnahem Wald welche zu finden. Verbreitung durch Vögel geht schneller, Verbreitung durch Ameisen oder Schleuderfrüchte langsamer. Da ist der Sämling vor der Mauer der Anfang, schon mal regelrechte Säume von Euphorbia myrsinites entlang von Mauern gesehen? Oder Helleborus foetidus? Ameisenstrasse. Phytolacca esculenta ist auch ein Beispiel für durch Vögel in andere Gärten verschleppte Pflanzen, Gespräche mit Gartenbesitzern ergaben meist, dass die Art nicht gepflanzt wurde. Der Standort im Traufbereich unter einem Baum oder Strauch, an einem Zaun oder dicht an der Mauer, also nicht frei im Beet, deutet auch auf die Vogelverbreitung hin. Solche Vorkommen notiere ich selbstverständlich. Hier ist es offensichtlich, andere Tendenzen erschließen sich eben nur durch genaues hinsehen und gemachte Notizen, die müssen nicht zwangsläufig gemeldet werden, helfen aber später ungemein den Status zu beurteilen. Ja, und manchmal lässt sich dann doch eine Verbindung zwischen dem Gartenflüchtling von einst und dem 25 Jahre später unweit beobachteten Bestand ziehen, wie soll das ohne Beachtung solcher Nahverwilderungen denn sonst gelingen?
Anagallis hat geschrieben: 11.05.2022, 13:11 Okay, aber was ist der Erkenntnisgewinn daran, wenn eine Art aus dem Handel im Jahr X neben einem Gartenzaun beobachtet wird und sich im Jahr Y plötzlich im Land verbreitet. Erstens kann man keine Verbindung herstellen zwischen "wurde im Jahr X in Gärten gepflanzt" und "ist im Jahr Y invasiv". Zweitens kann es doch nicht Aufgabe der Kartiererinnen sein, das Angebot der Gartenmärkte zu überwachen?

Ich rede hier nicht vom notieren (oder gar melden) von gepflanzten Arten, sondern von Nahverwilderungen! Das hat auch allenfalls indirekt etwas mit dem Angebot von Gartencentern zu tun, nämlich, dass diese auch verwildern können. Aber ich erinnere mich hier erst vor kurzem Threads über ausländische Cardamine-Sippen in Töpfen von Gartencentern gelesen zu haben…
Auf dem gleichen Weg sind Euphorbia maculata, humifusa und prostrata zu uns gekommen, wurden dann vielfach auf Friedhöfen gefunden. Mittlerweile so häufig im Gehwegpflaster zu finden und es sind noch nicht mal 25 Jahre seit meiner Erstbeobachtung vergangen. Trotzdem haben manche Botaniker sie noch nie verwildert gesehen.
Gruß
Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt
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