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Invasionen

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Andreas Melzer
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Invasionen

Beitrag von Andreas Melzer » 24.02.2020, 13:29

Hallo zusammen,
bevor die Saison wieder beginnt, mal ein paar philosophische Zeilen.
Von "invasiven" Arten zu lesen, ist die eine Sache; eine andere ist das unmittelbare Erleben. Damit meine ich nicht ein heimliches Einsickern in ein fremdes Gebiet, was manchmal nur Fachleuten auffällt, sondern die nahezu flächendeckende und vor allem die mehr oder minder plötzliche Präsenz einiger Pflanzen. Ziemlich beeindruckt haben mich diese Phänome:

Senecio inaequidens (Schmalblättriges Greiskraut). Hätte ich von den einschlägigen Publikationen Kenntnis gehabt, wäre ich nicht so überrascht gewesen. Aber hier in NW-Sachsen ist dieses Greiskraut so richtig erst im vergangenen Jahr angekommen. Quasi täglich bin ich über neue Exemplare gestolpert, und als im eigenen Garten welche auftauchten, war ich platt. Und bin mit dem Rasenmäher erfurchtsvolle Bögen gefahren.

Digitaria sanguinalis (Blutrote Fingerhirse). Das ist ein beinahe lustig anzuschauendes Gras, welches sogar einem absoluten Laien auffallen könnte. Verwechslungsarten sollen mal ignoriert sein. Den ersten Fund empfand ich als ein geradezu mystisches Phänomen. Jetzt steht das Gras allenthalben herum, natürlich neuerdings auch im Garten.

Chamaesyce humifusa (Niederliegende Zwergwolfsmilch). Die hat das hiesige Terrain regelrecht unter sich begraben. Na gut, das ist gelinde übertrieben, aber es gibt seit drei Jahren kaum noch eine Pflasterritze ohne Chamaesyce. Zunächst in Siedlungen jedweder Größe, neuerdings aber auch außerhalb, wo sich ungestört ganze Teppiche bilden können.

Bild

Übrigens fand ich auch die Wiederkehr der Kornblume (Cyanus segetum ) interessant. Ich stand anfangs der siebziger Jahre staunend an einem Feldrain in der Gegend von Chemnitz/Sa. und betrachtete ein einzelnes Exemplar. Die schulische Sportbekleidungsordnung schrieb kornblumenblaue Hosen vor. Ab sofort konnte ich damit was anfangen. Dann gab es eine Pause von ca. einem Vierteljahrhundert bis zu einer weiteren Begegnung. Heuer ist der Seltenheitswert dahin...

Beste Grüße,
Andreas

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botanix
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Re: Invasionen

Beitrag von botanix » 24.02.2020, 15:06

Hallo Andreas,
hier in Mittelhessen begannen die von dir beschriebenen Invasionen schon vor rund 15 Jahren. Erste Funde von Senecio inaequidens bei Gießen datieren aufs Jahr 1996. Im Jahrhundertsommer 2003 ging bei der Art die Post ab. Entlang der A485 stand sie zu Tausenden auf Mittel- und Seitenstreifen, gelbe Bänder.
Vorher kamen andere Invasoren: Juncus tenuis, Puccinellia distans, Atriplex acuminata und saggitata, Dittrichia graveolens, Cochlearia danica, Spergularia marina, Digitaria sanguinalis und ischaemum, Eragrostis minor, multicaulis, albensis, pilosa, Portulacca oleracea (dein Foto!!), Plantago coronopus usw.
Die Chamaesyce Sippen finden sich meistens zuerst auf Friedhöfen, auch hier erfolgt in den letztens Jahren eine Ausbreitung in den gepflasterten Gehwegen der Siedlungen.
Man könnte Siedlungsnah noch diverse Cotoneaster, Prunus laurocerasus, padus und serotina nennen. Viburnum lantana und rhytidophyllum, Ilex aquifolium, Taxus und Mahonia spec, Euonymus fortunei und viele andere. Es ist spannend solche Invasionen mit zu verfolgen, auch wenn da einiges an Problemen auf uns zukommt.
Gruß
Peter
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Andreas Melzer
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Re: Invasionen

Beitrag von Andreas Melzer » 24.02.2020, 16:17

Hallo Peter,
vielen Dank für deine Rückmeldung. Und auch Danke für den Portulak; ich hatte meine Zweifel bei dieser Pflanze. Ist völlig neu hier und plötzlich allgegenwärtig.
Klar ist meine Liste sehr erweiterbar. Ich frage mich, was in einigen Jahren hier ankommt; vielleicht Opuntien oder ähnliches.
Beste Grüße,
Andreas

Marlies
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Re: Invasionen

Beitrag von Marlies » 24.02.2020, 18:17

Andreas Melzer hat geschrieben:
24.02.2020, 13:29
Senecio inaequidens (Schmalblättriges Greiskraut). Hätte ich von den einschlägigen Publikationen Kenntnis gehabt, wäre ich nicht so überrascht gewesen.
Das ging mir letztes Jahr hier in Ostbrandenburg auch so. Ich dachte schon, mich in der Art geirrt zu haben. Aber nein: viewtopic.php?f=2&t=42657
Andreas Melzer hat geschrieben:
24.02.2020, 13:29
Digitaria sanguinalis (Blutrote Fingerhirse)....Den ersten Fund empfand ich als ein geradezu mystisches Phänomen. Jetzt steht das Gras allenthalben herum, natürlich neuerdings auch im Garten.
Interessant. Dieses Gras beherbergen wir (unfreiwillig) schon von Anfang an, also ca. 10 Jahre, im Garten. Beide Fingerhirsen (Kahle und Blutrote) stehen in der Brandenburger RL auch mit Einwanderungszeitraum T2. Also hatte ich immer angenommen, das wären total etablierte Arten.

Marlies

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botanix
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Re: Invasionen

Beitrag von botanix » 24.02.2020, 21:56

Hallo Andreas, hallo Marlies,

es ist immer interessant die Fundmeldungen in den botanischen Zeitschriften zu lesen. Da deuten sich Ausbreitungen an, die im weiteren Verlauf auch das eigene Gebiet erreichen. Aus der Pfalz wurde Centranthus ruber neuerdings als sich einbürgernd an Bahnlinien gemeldet. Hier bei uns haben in den letzten Jahren die noch als unbeständig bewerteten Funde, meist an Mauerfüßen unweit von gepflanzten Vorkommen, auch zugenommen.
Epilobium brachycarpum breitet sich weiter nach Norden und Osten aus. Die Erstbeobachtung in Gießen war 2006, mittlerweile haben wir 58 Fundorte in 36 Rasterfeldern in unserem Kartiergebiet (80 Rasterfelder 1/64 TK 1:25000). Für Chamaesyce (Euphorbia) maculata sind es 22 Rasterfelder und 32 Fundorte. Anthriscus caucalis breitet sich seit wenigen Jahren auf Äckern aus. In 10 Rasterfeldern kennen wir 63 Fundorte. Hier scheinen die betroffenen Landwirte selbst für die Weiterverbreitung zu sorgen, praktisch zwei große Befallszentren.
Wenn man sich, wie oben geschrieben, vorinformiert, fallen einem die Neubürger eher auf. Trotzdem laufen manche Ausbreitungen nahezu unbemerkt ab, bis man auf die Pflanzen aufmerksam wird. So ging es mir vor über 10 Jahren mit Eragrostis albensis, multicaulis und pilosa. Dann gezielt die Land- und Bundesstraßenränder (auch Parkplätze, Autobahnabfahrten, Gewerbegebiete, Friedhöfe) abgesucht und festgestellt, dass die Welle schon längst durch war! Aber: sie hat noch längst nicht jeden Winkel Deutschlands erreicht.
Überraschungen werden wir immer wieder erleben, ob es Einzelfunde bleiben oder eine Invasion stattfindet, das wird sich zeigen. Es ist bekannt, dass viele Pflanzen eine mehr oder weniger lange Zeit brauchen, bevor sie aus gelegentlichen Einschleppungen voll durchstarten, bei Senecio inaequidens waren es etwa 100 Jahre. Möglicherweise beschleunigt der Klimawandel auch dieses Phänomen.
Und nicht zuletzt der Hinweis auf meine Signatur --> Man sieht nur was man kennt --> Exkursionen mit anderen Botanikern in anderen Gebieten öffnen die Augen ;)

Viele Grüße
Peter
alte Botanikerweisheit: man sieht nur was man kennt

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Re: Invasionen

Beitrag von Marlies » 25.02.2020, 23:26

Hallo Peter, danke für die vielen Informationen.
Jetzt weiß ich übrigens endlich, was letzten Sommer hier in den Rasengittersteinen bestens gediehen ist: Portulaca oleracea ssp oleracea.
Marlies

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Anagallis
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Re: Invasionen

Beitrag von Anagallis » 26.02.2020, 01:16

Marlies hat geschrieben:
25.02.2020, 23:26
Jetzt weiß ich übrigens endlich, was letzten Sommer hier in den Rasengittersteinen bestens gediehen ist: Portulaca oleracea ssp oleracea.
Das Konglomerat ist mittlerweile in einen Sack Kleinarten zerlegt worden, P. sativa/nitida/oleracea/papillostellulata/granulatostellulata/cypria/trituberculata.

http://www.br.fgov.be/DUMORTIERA/DUM_10 ... tulaca.pdf

Marlies
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Re: Invasionen

Beitrag von Marlies » 26.02.2020, 13:37

Das pdf hat bei mir einen Lachanfall ausgelöst - Übersprungsreaktion. Also sage ich lieber: 'Ich habe Wilden Portulak gesehen'. Das ist sicherer.
Marlies

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Anagallis
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Re: Invasionen

Beitrag von Anagallis » 26.02.2020, 17:11

Ich hab' letztes Jahr versucht, die DInger an der Struktur der Samenschale zu unterscheiden und bin kläglich gescheitert.

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Re: Invasionen

Beitrag von Andreas Melzer » 26.02.2020, 18:14

Hallo zusammen,
nach ein wenig Diagonallesen haben ich den Eindruck, dass zwei Lebensformen ein Armageddon überstehen: Kakerlaken und Portulak. Wenn letztere ein Artenschwarm ist, umso sicherer.
Mal davon abgesehen, ist die Differenzierung einzelner Spezies bestimmt auch nicht vertrackter als z. B. bei Taraxacum. Ist das Portulak-Problem mal genetisch beleuchtet worden? Ich habe auf die Schnelle nichts gefunden.
Beste Grüße,
Andreas

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Re: Invasionen

Beitrag von Botanica » 07.05.2020, 18:08

Hallo zusammen,

in NRW habe ich S. inaequidens schon mehrfach kartiert. Diew Pflanze war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr selten.
Die Ausbreitungstendenz muss sie somit schon früher gehabt haben, das passt sehr gut zur Beobachtung von Peter Botanix in Hessen der eine stärkere Ausbreitung ab 2003 festgestellt hat.

Viele Grüße
Harry
Ich denke, also bin ich

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Re: Invasionen

Beitrag von Garibaldi » 12.05.2020, 13:15

Ich habe mich dieses Jahr auf die Suche gemacht nach Prunus virginiana Virginischer Traubenkirsche und bin tatsächlich fündig geworden am Stadtrand von Berlin. Bei der Gelegenheit bin ich sehr aufmerksam durch die Wälder gelaufen, die meist aus Kiefern auf sandigem Boden bestehen. Die Wälder dort bestehen zum großen Teil nur noch aus Neophyten, unter den Kiefern wächst eine Strauchschicht aus Später Traubenkirsche, es gibt Symphoricarpus Schneebeere, Mahonia aquifolium, noch nicht kartierte Cotoneaster, Robinien und Dickichte, die aus Eschen-Ahorn bestehen. An einem Bach habe ich erst eine Kolonie Japanischen, dann eine Kolonie Sachalin-Staudenknöterich gefunden, außerdem Orientalisches Zackenschötchen. Ist das der dichten Besiedlung geschuldet? Ich habe den Eindruck, dass diese Wälder an die Neophyten verloren sind bzw. es dort einfach einen neuen Wald gibt, an den man sich gewöhnen muss. Gibt es eine derartige Häufung an Neophyten auch in anderen Gebieten?

Andreas Melzer
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Re: Invasionen

Beitrag von Andreas Melzer » 13.05.2020, 14:12

Hallo Garibaldi,
das ist ja eine massive Zusammenballung.
Tiefgründige Gedanken bezüglich der hiesigen gegend hierzu habe ich mir noch nicht gemacht, aber es wäre interessant.
Ich glaube nicht, dass dies mit der Siedlungsdichte zusammenhängt, allenfalls mit einem gering anderem Lokalklima.
Wenn man mal im Linné liest, stößt man auf erstaunlich viele Arten, die er als fremdländisch gelistet hat aber heuer an jeder Ecke wachsen. Kanadische Goldrute...
Vielleicht ist das die neue Realität. Und vermutlich wird sich dieser Prozess beschleunigen und ich muss nicht mehr den Rasen mähen, sondern den Sisal verschneiden.
Beste Grüße,
Andreas

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abeja
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Re: Invasionen

Beitrag von abeja » 14.05.2020, 00:45

Hallo Garibaldi,
bei mir ganz im Südwesten erlebe ich das nicht so, wie du schilderst.
Nur Robinien sind überall im Wald eingestreut, m.Meinung nach dort aber nicht invasiv, d.h. auch keine größeren Gruppen bildend. Das soll aber schon etwas weiter nördlich am Rhein in Auwäldern ganz anders aussehen. Eschen-Ahorn habe ich noch nie hier verwildert gesehen, immer nur ganz "brav" in Anlagen. Später Traubenkirsche kenne ich keine einzige (ich habe gerade bei FloraWeb geschaut: in "meinem" Messtischblatt 8412 in einem Quadranten unbeständig).
Staudenknöterich an zwei drei Stellen, aber sehr siedlungsnah, Nähe Bahndamm und ähnliche Gegenden. Indisches Springkraut gibt es natürlich, aber ich kenne bei mir direkt in der fußläufigen Nähe nur zwei Stellen, wo das regelmäßig kommt, aber sich nicht weiter ausbreitet. Ich hatte mal den Eindruck, dass es da von Menschenhand kurz gehalten wird, aber wohl nicht immer, es kommt zur Fruchtreife.
Mahonie habe ich einen einzigen Busch mal im Wald gesehen, sowie auch an einer Stelle einen niedrigen Cotonneaster, der da nicht hingehört.
Was es aber oft gibt in der Nähe von Fahrspuren im Wald gibt, das sind jugendliche Paulownia tomentosa und Buddleja davidii (die wächst aus jeder Ritze, sowieso).
Viele Grüße von abeja

Garibaldi
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Re: Invasionen

Beitrag von Garibaldi » 14.05.2020, 11:15

Das interessant, scheint doch etwas mit dem Klima zu tun zu haben, Acer negundo ist sehr häufig in Berlin und auch am Stadtrand, an ruderalen Standorten kommt der flächendeckend vor, dagegen gibt es keine oder nur wenige Blauglockenbäume oder Sommerflieder. Ganz schlimm ist Prunus serotina, die hier vor allem auch Binnendünen zuwächst (ist mir z.B. teilweise in Brandenburg aufgefallen, z.B. die Waltersberge in Storkow drohen ständig damit zugewachsen zu werden). Es gibt aber andere Wälder, die m.E. besser aussehen, auch gar nicht so weit weg von Berlin. Z.B. das Löcknitztal ein naturbelassener Bach mit entsprechenden Auwäldern. Vermutlich ist es das andere Klima in diesem Tal oder der Naturschutz, weil es dort z.B. auch kein Impatiens glandulifera gibt (oder ist mir zumindest nicht aufgefallen).

Flieder Syringa vulgaris gibt es viel hier im Osten, bei floraweb.de werden die Bestände noch als synantrop bezeichnet, ich glaube, dass das überholt ist, ab wann gilt eine Art als etabliert? Flieder taucht auch an siedlungsfernen Standorten auf, z.B. habe ich Flieder an trockenen Säumen von Kiefernwäldern gesehen, abgesehen davon, dass er z.T. auch Steppenrasen zuwächst und dort entfernt werden muss.

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