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Aberrationen/Anomalien

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Tina
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Tina » 31.08.2020, 20:06

Hier die gewünschten Übergänge.
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corylus_avellana_2020-08-26 (3).jpg
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corylus_avellana_2020-08-26 (6).jpg
Vergleich zwischen einem normalen Trieb und dem aberrativen. Am unteren hatten einige Knospen gar nicht ausgetrieben.
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Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Manfrid » 01.09.2020, 17:46

Besten Dank! Das ist immer gut, den Kontext von so einer auffälligen Abnormität wie dem eingangs gezeigten "Rosenblatt" mitsehen zu können.
Zunächst mal würde ich in folgende Richtung denken: Da ist ein Tragblatt (bzw. dessen Stiel) mit seinem verfrüht ausgetriebenen Achselspross ein Stück weit zusammengewachsen (siehe die Rille am Stiel des Gebildes). So erscheint es als eine Fieder an diesem gefiederten "Rosenblatt". Und weil der verfrüht ausgetriebene Seitenspross auch keine Endknospe hat, bekommt er seinen starken Blattcharakter. Es ist eine neue Achselknospe entstanden als Kompensation der dem ersten (zum "Rosenblatt" gewordenen) Seitenspross fehlenden Endknospe. Oder auch: dessen Endknospen-Bildungspotenzial wurde zum Großteil an der Basis festgehalten als Achselknospe, und nur seine ersten Blätter konnten sich - als "Blattfiedern" des "Rosenblattes" - von der Mutterachse entfernen.
Das verfrühte Austreiben von Seitensprossen bzw. eben die abnorm komplexe Ausbildung der Blätter als gefiederte Blätter dürften wohl wiederum damit zusammenhängen, dass an Nachbarknoten überhaupt keine Blätter entwickelt sind, bzw. nur rudimentär. Da hat man wieder einen kompensatorischen Zusammenhang. "Material" von einem Knoten kann offenbar zu einem darüber befindlichen Knoten "exportiert" werden. Es besteht eine morphologische Verwandtschaftsbeziehung zwischen den Seitenbildungen (Blatt und Knospe) eines Knotens und dem Folgeknoten inklusive des dorthin führenden Stängelabschnittes. Und es kann Blatt zu Spross bzw. Spross zu Blatt werden!
Feine Sache (aber natürlich durchaus noch weiterer Überlegungen und der Absicherung und Ausfeilung durch entsprechende verwandte Phänomene bedürftig). Es erscheint auf diese Weise die auch am normalen Wachstum zunächst mehr empirisch feststellbare Kompensationsbeziehung zwischen Blatt-Komplexität und Verzweigungsgrad doch ebenfalls schon ein Stückchen verständlicher. (So eine Esche mit ihren gefiederten Blättern oder gar ein Götterbaum (Ailanthus) oder eine Aralie sind eben vergleichsweise wenig verzweigt im Sprossbereich, z. B.)...
Bitte weiter so schöne Funde!

Manfrid

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Tina
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Tina » 02.09.2020, 01:00

Manfrid, es freut mich, dass meine Beobachtung offenbar dein Verständnis für diese Dinge vertieft. Ich gestehe, dass ich mich eher am Anblick erfreue und mir keine tieferen Gedanken darüber mache - ich habe andere Leidenschaften und kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen. (:

Ich ergänze für den Thread eine Pelorie des Leinkrauts (Linaria vulgaris). Viele von euch werden jetzt vermutlich gähnen, aber es war meine erste.
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Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Manfrid » 02.09.2020, 08:59

Ich kenne das aus einer Kultur und habe es auch selber eine Weile kultiviert. Aber wild habe ich diese schon für Linne so spannende Sache auch noch nicht gefunden. Meine durchweg pelorische Sorte hat nie Samen angesetzt - im Gegensatz zu der gezeigten Pflanze. Ob da wohl die Pelorie ein Einzelfall war und die anderen Blüten waren einspornig-normal??

Also nix mit Gähnen.

Manfrid

P. s.: Dass der fünfte Sporn (und ein sechster?) nur in klein und oben an der Blüte da ist, ist ja auch interessant. So ein Mittelding, anhand dessen man sich Gedanken über den Zusammenhang zwischen Normalform und Pelorie machen kann...

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Tina
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Tina » 02.09.2020, 16:03

Hallo Manfrid!
Manfrid hat geschrieben:
02.09.2020, 08:59
Ob da wohl die Pelorie ein Einzelfall war und die anderen Blüten waren einspornig-normal??
Das ist in der Tat am wahrscheinlichsten. Ich sehe diese Pflanzen jeden Tag und hätte es vermutlich bemerkt, wenn die ganze Pflanze seit Wochen in Pelorien blühte.

Schönen Gruß,
Tina.

P.S.: Zur aberrativen Hasel nochmal: ich bin heute wieder dort vorbei gekommen und es sind tatsächlich mehrere Triebe, die diese Verkrüppelungen zeigen. Sie beginnen mit ganz normalen Blättern.
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Yogibaer51
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Yogibaer51 » 02.09.2020, 20:38

Könnte es sich bei der Haselnuß nicht auch um eine Infektion mit Bakterien der Gattung Pseudomonas handeln?
Diese wandern doch in der Regel mit den aufsteigenden Saftstrom (akropetal) schneller.
Beobachte den Strauch doch mal bitte weiter ob sich an den Blättern der veränderten Zweige gelbe bis braun/schwarze Nekrosen entstehen.
Gruß Yogi

Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Manfrid » 02.09.2020, 22:18

Tina hat geschrieben:
02.09.2020, 16:03
Zur aberrativen Hasel nochmal
Stehen die Knospen (Knoten) im Basisbereich des kahlen Stängelteiles irgendwie etwas dichter beisammen? Dann würde ich eher ein "außerplanmäßiges" Durchtreiben der Zweige aufgrund guter Wachstumsbedingungen (Rückschnitt an anderer Stelle, viel Niederschlag o. ä.) als Auslöser des Mischgebilde-Wachstums vermuten. Dass diese Blätter wirklich auch Seitensprosscharakter haben, sieht man ja übrigens am klarsten dort, wo sich außer der Achselknospe auch oben noch eine Knospe ausbilden konnte (drittes Bild bzw. Bild (5) von den am 31. 8. gezeigten Bildern).
Danke jedenfalls für den Nachtrag weiterer Bilder!

Manfrid

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Manfrid » 03.09.2020, 21:59

A propos Pelorien am Ende der Saison: Meine selbstgekreuzte kleine Sinningia-Hybride krönt auch gerade ihre aktuelle Blühperiode mit so einer normalerweise nicht ausgebildeten radiärsymmetrischen Endblüte. (Eigentlich sogar mit zwei solchen Blüten, wobei die hier nicht gezeigte nur 5 Blütenblätter hat wie ihre regulären, zweiseitig-symmetrischen Vorgänger bzw. Nachbarn.) Man sieht, dass die weißen Flecken im Schlund, die bei den regulären Blüten nur unten da sind, bei der Pelorie (oben im Bild) rundherum vorkommen.
Sinningia-Pelorie 1.JPG
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Sinningia-Pelorie 2.JPG
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Tina » 03.09.2020, 23:30

Manfrid hat geschrieben:
02.09.2020, 22:18
Stehen die Knospen (Knoten) im Basisbereich des kahlen Stängelteiles irgendwie etwas dichter beisammen?
Eher etwas weiter auseinander als vorher am beblätterten Abschnitt, oder? Sieht so jedenfalls auf den Bildern aus.
Yogibaer51 hat geschrieben:
02.09.2020, 20:38
Könnte es sich bei der Haselnuß nicht auch um eine Infektion mit Bakterien der Gattung Pseudomonas handeln?
Diese wandern doch in der Regel mit den aufsteigenden Saftstrom (akropetal) schneller.
Beobachte den Strauch doch mal bitte weiter ob sich an den Blättern der veränderten Zweige gelbe bis braun/schwarze Nekrosen entstehen.
Ich werde versuchen, das im Blick zu behalten. Hoffentlich wird die Hecke nicht mehr geschnitten; eigentlich passiert das jedes Jahr, weil sie sehr wüchsig ist und den Gehweg blockiert.
Danke für den Hinweis auf Pseudomonas! Die Gattung kannte ich bisher nur als Humanpathogen aus dem Fach Mikrobiologie...

Grüße,
Tina.

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Marlies » 04.09.2020, 13:19

Manfrid hat geschrieben:
03.09.2020, 21:59
Pelorien ... Sinningia-Hybride
Interessant, da die gezeigte auf den allerersten Blick ja nicht so ohne weiteres als Pelorie zu erkennen ist. Bei genauerem Hinsehen kann man sie wohl als Verschmelzungsprodukt von zwei dieser unteren, dreiteiligen Segmente auffassen. (Ich weiß gar nicht, ob die bei den Gesnerien auch 'Unterlippe' heißen.)
Marlies

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Manfrid » 04.09.2020, 22:34

Ja, diese Pelorie ist rundherum Unterseite. Sieht man auch an der Helligkeit der Kronröhre, die derjenigen an den Unterseiten der regulären Blüten entspricht. Und die beiden "Zwischenblättchen" am Stiel kann man wohl als die Tragblätter der miteinander verschmolzenen Blüten auffassen.

Manfrid

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitrag von Manfrid » 06.09.2020, 21:12

Tina hat geschrieben:
02.09.2020, 16:03
Zur aberrativen Hasel nochmal
Hallo Tina,

ob es möglich ist, nochmal ein Bild speziell von dem Bereich der beiden letzten Blätter vor dem kahlen Sprossabschnitt an dem "Gullideckel-Zweig" (Bild (1)) zu machen? Ob sich da am Spreitengrund auch schon Knospenbildungen andeuten? Und wie da die Knospen am Zweig stehen? - Aber nur, wenn's kein großer Aufwand ist!
Danke!

Manfrid

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