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Wie viele Exemplare?

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Marlies
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Wie viele Exemplare?

Beitrag von Marlies » 09.07.2020, 00:10

In manchen Zusammenhängen wird eine Angabe zur Anzahl der vorkommenden Exemplare gefordert. Das ist für mich oft schwierig. Manchmal sagt ein Bild wirklich mehr als 1000 Worte, deshalb zwei Beispiele.

Das ist zweifellos 1 Exemplar:
img_1594245416683.jpg
Lapsana communis
img_1594245416683.jpg (133.75 KiB) 169 mal betrachtet

Aber wie ist es hier? Ist das eins oder sind es viele?
img_1594245465771.jpg
Rorippa austriaca
img_1594245465771.jpg (148.48 KiB) 169 mal betrachtet
Bisher konnte mir das niemand so recht beantworten. Auch nicht, ob die Begriffe Individuum und Exemplar überhaupt identisch sind. Allerdings habe ich die Profis vor Ort nie danach gefragt, obwohl mich die Sache schon ewig beschäftigt.

Marlies

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Anagallis
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Re: Wie viele Exemplare?

Beitrag von Anagallis » 09.07.2020, 00:56

Marlies hat geschrieben:
09.07.2020, 00:10
Aber wie ist es hier? Ist das eins oder sind es viele?
Klingt jetzt blöd, aber das kommt darauf an, ob es eines ist oder viele. Über den Daumen gepeilt: Wenn alle Teile zusammenhängen, ist es eines, sonst mehrere. Dabei gibt es zahlreiche Grenzfälle, beispielsweise Pflanzen mit Ausläufern. Sind die einzelnen Triebe des Weiß-Klees schon separate Individuen, wenn sie noch über den Ausläufer zusammenhängen? Bis auf seltene Ausnahmen dürfte zumindest klar sein, daß Pflanzen, die aus verschiedenen Samen hervorgegangen sind, auch verschiedene Individuen sind (aber was ist mit veredelten Obstbäumen?). Umgekehrt gilt das nicht (z.B. Vermehrung durch Ableger).

Kreuzblütler haben es ja nicht so sehr mit Ausläufern, und für eine gemeinsame Wurzel ist der Placken ein bischen groß, also werden es wohl eine ganze Reihe Pflanzen sein, aber wieviele genau, läßt sich mit dem Bild nicht beantworten.

Deine Frage zielt wahrscheinlich mehr darauf ab, was man beim Kartieren für Zahlen angibt als auf philosophische Betrachtungen der Begriffe "Identität" und "Einheit"?
Auch nicht, ob die Begriffe Individuum und Exemplar überhaupt identisch sind.
Im Zählsinne: ja. Abgesehen davon impliziert "Exemplar" im Deutschen, ein Beispiel eines Prototyps zu sein. (Im Englischen geht man glaube ich mit "specimen" lockerer um.) Dafür sind Individuen immer Lebewesen, ein Exemplar kann auch ein Stern, ein Atom oder ein Brokkoliauflauf sein. Aber mal abwarten, wie sich der Begriff entwickelt, wenn es eines Tages künstliche Lebewesen oder tatsächlich intelligente Konstrukte gibt.

Jedenfalls existieren keine verbindlichen, allgemeingültigen Definitionen dieser Begriffe, und schon gar nicht in der Biologie. Es gibt zu viele Zweifelsfälle.

Manfrid
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Re: Wie viele Exemplare?

Beitrag von Manfrid » 09.07.2020, 09:35

Anagallis hat geschrieben:
09.07.2020, 00:56
Kreuzblütler haben es ja nicht so sehr mit Ausläufern, und für eine gemeinsame Wurzel ist der Placken ein bischen groß, also werden es wohl eine ganze Reihe Pflanzen sein, aber wieviele genau, läßt sich mit dem Bild nicht beantworten.
Rorippa austriaca breitet sich extrem über (Wurzel-)Ausläufer aus, v. a. auf konkurrenzarmen gestörten Flächen. Da können viele m² große lockere Bestände "eine Pflanze" sein in dem Sinne, dass alle Triebe miteinander zusammenhängen. In späteren Sukzessionsstadien wie auf Marlies' Bild mit dichter Matrixvegetation kommen die zarten, lichthungrigen Wurzelsprosse in größerer Entfernung von der Mutterpflanze nicht mehr hoch, aber die vielen starken Sprosse so eines Busches gehören immernoch zum selben zentralen Wurzelstock.

Geht man etwa zu Rorippa sylvestris über, so wird die Sache noch ein bisschen kniffliger für die "Philosophie". Da hat man ebenso reichliche Wurzelsprossbildung, aber die Zentralpflanzen, von denen die Ausbreitung ausging, sterben nach der Fruchtreife samt ihrer Wurzel ab, so dass die Ausläufer voneinander isoliert werden...

Bei Kartierungsaufgaben geht es ja gewöhnlich um "Abundanzen", also um den Anteil, mit dem eine Pflanzenart auf einer Fläche vertreten ist. Da interessiert also hauptsächlich die Anzahl der Einzeltriebe - egal, woraus die hervorgegangen sind. Man will einfach die Fläche in ihrer Eignung für das Gedeihen bestimmter Pflanzenarten und Pflanzengesellschaften charakterisieren. Aber natürlich stößt man dabei immer wieder auf die unbequeme Tatsache, dass man nicht sauber trennen kann zwischen abiotischen Faktoren als Ursache und daraus abzuleitender Vegetation als Wirkung. Das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein einer kräftigen Mutterpflanze entscheidet eben mit über das Auftreten weiterer Pflanzen in der Umgebung. Selbst bei bloßer Ausbreitung über Samen (die speziell bei Rorippa austriaca kaum in Betracht kommt) spielt das natürlich noch eine Rolle. Bei klonalem Wachstum über Ausläufer ist es aber eindeutig. Man versteht das Auftreten größerer, mehr oder weniger deutlich begrenzter Flecken von Euphorbia cyparissias oder Linaria vulgaris in einer Wiese oder Populus tremula in einem Gehölz gar nicht, wenn man da nach abiotischen Faktoren für das Auftreten oder Nicht-Auftreten sucht.

Nun ist so ein gegebenenfalls sogar noch sichtbar miteinander verbundener Bestand von Sprossen aber durchsetzt von anderen Pflanzen; also selber eine Pflanzengesellschaft. Andererseits hat man auf einer größeren Wiese selbst bei weitgehend gleichmäßigen abiotischen Bedingungen gewöhnlich ein Mosaik solcher kleineren Pflanzengesellschaften, die sich gegenseitig ergänzen und zeitlich ablösen wie im kleineren die miteinander koexistierenden Pflanzenarten. So entsteht die bei pflanzensoziologischen Untersuchungen immer wieder hochkochende Frage, wie groß man eigentlich eine Fläche wählen muss, um eine Pflanzengesellschaft charakterisieren zu können, bzw. was noch zu einer bestimmten Pflanzengesellschaft gehören soll und was zu einer anderen. Gehört die charakteristische, fast niedermoorartige Vegetation eines Hochmoor-"Auges" noch mit zur Hochmoorvegetation oder nicht? Sie ist ganz anders, und beide bedingen sich doch gegenseitig... Usw. Eins von den vielen Feldern, auf denen man darauf stößt, dass man auch in der auf ihre Empirie gern recht stolzen Biologie doch nicht recht ohne ein bisschen Philosophie zurechtkommt...

Manfrid

Marlies
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Re: Wie viele Exemplare?

Beitrag von Marlies » 09.07.2020, 20:21

Danke euch beiden für die Gedanken zu diesem Thema.
Das krasse Beispiel Rorippa austriaca hatte ich ganz bewusst gewählt - eben wegen der ausgedehnten Wurzelsysteme, die die Art bildet. Vor der Frage '1 oder viele' steht man aber schon in viel harmloseren Fällen, beispielsweise hier:
IMG_09072020_193529_(600_x_600_pixel).jpg
Ballota nigra
IMG_09072020_193529_(600_x_600_pixel).jpg (153.98 KiB) 134 mal betrachtet
Zum Glück muss ich auf dieser mehrere Hektar großen Kartierfläche gar keine quantitativen Angaben machen. Ständen Rorippa und Ballota auf einer kleineren Fläche für eine Vegetationsaufnahme, würde ich nur Deckungsgrade angeben, denn
Manfrid hat geschrieben:
09.07.2020, 09:35
Bei Kartierungsaufgaben geht es ja gewöhnlich um "Abundanzen", also um den Anteil, mit dem eine Pflanzenart auf einer Fläche vertreten ist. Da interessiert also hauptsächlich die Anzahl der Einzeltriebe - egal, woraus die hervorgegangen sind.
Dass meine Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann, hatte ich eigentlich schon erwartet. Die Forderung, eine Individuenzahl zu nennen, finde ich also oft ein bisschen unglücklich.
Marlies

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