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Blattstellung bei Gehölzen

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Marlies
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Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Marlies » 23.01.2020, 16:03

Hallo Experten, Hilfe!
Wir haben im Büro eine Praktikantin, die mal Forstwissenschaften studieren will. Sie soll die gängigen heimischen Bäume und Sträucher kennenlernen; dafür macht sie jetzt Winterbeobachtungen (Habitus, Winterknospen und dgl.). Kaum hat sie angefangen, gibt es schon 2 Stolperstellen, die Knospen- bzw. Blattstellung betreffend:

1. distich: Beispiel Ulme. Rothmaler trennt strikt zwischen wechselständig/spiralig und zweizeilig/distich. Andere tun dies nicht und auch in meinen Augen ist zweizeilig ein Spezialfall von wechselständig. Aber darf man das so sagen?

2. spiralig: Der Praktikantin habe ich gesagt, was Manfrid hier im Forum erklärt hat (schon x-mal, wie ich jetzt gefunden habe). Blattfolge nach dem Goldenen Schnitt, Divergenzwinkel 137,5°. Damit hat sie sich zufriedengegeben. Aber ich nicht, denn ich habe mir ihren Zweig - vermutlich Eiche - noch mal angeguckt. Foto ist sinnlos, man erkennt rein gar nichts. Aber skizzenhaft sieht es mir so aus (sorry für die unperfekte Darstellung):
spirale_min.jpg
spirale_min.jpg (30.78 KiB) 237 mal betrachtet
Im Netz kursieren ganz ähnliche Bilder unter 2/5-Stellung, was ich aber erst nachträglich festgestellt habe. Wenn nun die Knospe 6 nach 2 Sprossumrundungen genau über Knospe 1 steht, müsste der Divergenzwinkel aber 144°sein. Wäre er 137,5°, dann hätten wir analoge Verhältnisse zu hier:
viewtopic.php?f=13&t=42582&p=162600&hil ... ia#p162600
Anderer Sachverhalt - gleiches Prinzip. Es ist doch aber Quatsch, dass Sprossachsen mit spiraliger Blattfolge immer tordiert sind. Wo liegt der Denkfehler?
Marlies

Manfrid
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Re: Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Manfrid » 24.01.2020, 00:54

Habt Ihr Euch mal die Schuppenmuster an den Knospen der Eiche angeschaut? Da dürfte durch die dichte Stellung deutlich sein, dass die Blätter in 5 Spirostichen stehen, das 6. Blatt also nicht genau über dem ersten steht. Das Sprechen von der 2/5-Stellung (auch 1/3-Stellung, 3/8-Stellung etc.) ist gewöhnlich nur als Näherung zu nehmen. Es ist berechtigt, weil oft auch tatsächlich eine Annäherung an die rationalen Stellungen stattfindet - z. B. bei den auf einer Ebene stehenden Kelch- und Blütenblättern der Rose, wo dann "Äquidistanz" (gleiche Winkel zwischen den Blättern) begünstigt wird.
Die distiche Blattstellung (Buche, Esskastanie (in der Regel), Ulme, Linde, schwächere Triebe der Hasel etc.) ist schon nochmal was Anderes als die goldschnittige - schon durch die Dorsiventralität (deutlicher Unterschied zwischen Ober- und Unterseite der gewöhnlich plagiotropen (m. o. w. horizontal wachsenden) Triebe). Aber da gibt es ja trotz der in beiden Fällen bestehenden "Wechselständigkeit" (im Gegensatz zur wirteligen Blattstellung) eigentlich wenig Gefahr für Konfusion, oder? Man muss höchstens aufpassen, dass man nicht Triebe mit spiralig gestellten Blättern, die aber an horizontalen Trieben in eine Ebene gedreht werden (wie u. a. auch bei vielen Koniferen - Tanne, Douglasie...) mit den distichen verwechselt.
Sinnvoll ist allerdings, sich darauf gefasst zu machen, dass Pflanzenarten nicht streng auf bestimmte Blattstellungen festgelegt sind. Der Faulbaum oder der Urwelt-Mammutbaum wechseln leicht zwischen spiraliger (an starken Trieben) und wirteliger (in diesen Fällen kreuz-gegenständiger) Stellung. Kräftige Eschentriebe können auch mal spiralig belaubt sein (womit ich schon recht erfahrene Kollegen aus dem Konzept gebracht habe) usw.
Viel Spaß damit! Interessante Materie.

Manfrid

Marlies
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Re: Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Marlies » 24.01.2020, 19:28

Wow, Manfrid, vollgepackt mit Informationen, diese Antwort. Vielen Dank!

Aber was ist das hier?
Manfrid hat geschrieben:
24.01.2020, 00:54
Habt Ihr Euch mal die Schuppenmuster an den Knospen der Eiche angeschaut? Da dürfte durch die dichte Stellung deutlich sein, dass die Blätter in 5 Spirostichen stehen, das 6. Blatt also nicht genau über dem ersten steht.
Nee, haben wir natürlich nicht getan. Bzw. nur so weit, wie es für die Artbestimmung nötig war (ist übrigens Quercus robur, wie uns die abgefallenen Blätter verraten). Willst du damit sagen, dass diese Knospenschuppen/Schuppenblätter die spätere Beblätterung des neuen Jahrestriebs quasi schon "abbilden"?? Das wäre ja 'n Ding. Würde ich mir nachträglich noch mal ansehen, wenn ich jetzt nicht völlig falsch liege.

Der Hinweis auf die vielen möglichen "Fallstricke" ist ein bisschen deprimierend, wenn man das Reguläre nicht aus dem Effeff kennt. In der Summe fühlen wir uns aber schon privilegiert, weil wir dienstlich etwas tun dürfen, was uns Spaß macht.

Marlies

Manfrid
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Re: Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Manfrid » 24.01.2020, 19:51

Marlies hat geschrieben:
24.01.2020, 19:28
Willst du damit sagen, dass diese Knospenschuppen/Schuppenblätter die spätere Beblätterung des neuen Jahrestriebs quasi schon "abbilden"?? Das wäre ja 'n Ding.
Im Allgemeinen schon. (Die Morphologie ist halt voller "Dinger".)

Manfrid

Marlies
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Re: Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Marlies » 27.01.2020, 18:58

Nur kurz noch etwas hinterher.

Ja, es stimmt: Die Knospenschuppen von Quercus robur stehen in Spirostichen und es sind fünf. Das war jetzt zwar eine Art mikrochirurgische Operation, aber an den größeren Knospen ist der Sachverhalt dann doch gut erkennbar.

Immer noch erstaunt, aber zufrieden
Marlies

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Re: Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Manfrid » 26.02.2020, 12:13

Hier übrigens ein Trieb, an dem sich die Stieleiche mal in Dekussation versucht hat:

Stieleiche mit dekussierter Knospenstellung.JPG
Stieleiche mit dekussierter Knospenstellung.JPG (17.42 KiB) 44 mal betrachtet

Manfrid

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Re: Blattstellung bei Gehölzen

Beitrag von Marlies » 26.02.2020, 19:40

Toller Fund! Ob die dekussierte Stellung wohl "einrastet" oder mit dem Sproßwachstum doch noch zu spiralig wechselt? Mir fiel nämlich grad Helianthus annuus ein. Vielleicht darf man das aber auch gar nicht vergleichen ...
Danke für das Bild.
Marlies

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