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Trichterförmiges Gebilde

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Smiley
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Trichterförmiges Gebilde

Beitrag von Smiley » 22.12.2014, 22:05

Hallo zusammen,
dieses Forum wurde mir vom Baumkunde Forum empfohlen, weil es hier mehr Experten für nicht verholzende Pflanzen gibt.
Diese Pflanze hat mein Vater auf einem Deich gefunden und war sehr überrascht von dem trichterförmigen Gebilde über den Wurzeln.
Weiß jemand wie soetwas zustande kommen kann? Vielleicht kann man sogar noch erkennen, um welche Pflanzenart es sich handelt?
Für mich sieht es spontan nach einer Schafgarbe aus.
Vielen Dank schonmal für Antworten! =)
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unsane
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Re: Trichterförmiges Gebilde

Beitrag von unsane » 23.12.2014, 16:59

Moin,

dieses Gebilde sieht sehr nach einer Wuchsanomalie aus. Es könnte durch Pilze, Mykoplasmen, Viren oder auch eine Mutation im Vegetationspunkt ausgelöst worden sein. Später ist sie dann wieder ausgewachsen. Eventuell ist ein Herbizid, dessen Wirkung auf dem Einsatz von Wuchsstoffen basiert, mal zu dieser Pflanze hingeweht.
Eine Pflanze, die einen derartigen "Trichter" als Merkmal ausbildet, ist mir ansonsten nicht bekannt.

Manfrid
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Re: Trichterförmiges Gebilde

Beitrag von Manfrid » 24.12.2014, 22:11

Hallo Smiley,

Gratulation, das ist eine Zwangsdrehung, Zwangstorsion, Biastrepsis, eine recht seltene und sehr interessante Anomalie! "Im Ganzen gesehen sind Zwangsdrehungen bis jetzt am häufigsten aus den Gattungen Labkraut, Baldrian und Karde beschrieben worden. Dabei ist 'häufig' ein sehr relativer Begriff; denn unter Zehntausenden von Pflanzen begegnet uns selten auch nur eine solche Missbildung!" (K. Napp-Zinn, 1959) Ich denke, hier handelt es sich um Baldrian. Schafgarbe scheidet wegen der paarigen Seitentriebe aus. Ich habe darüber hier http://forum.pflanzenbestimmung.de/view ... 5&start=30 am 26. 12. 12 schonmal geschrieben und auch am 12. 12. 13 (nächste Seite) ein altes Bild eingestellt (alle Jahre wieder...) Im ersteren Beitrag erwähnte ich auch, dass die Verkettung der Blattansätze bei nicht-holzigen Pflanzen zu starker Stauchung des Stängels führt. Am liebsten würde ich hier zwei Bilder von entsprechender Karde und Baldrian aus Goethes Sammlung zeigen, weil sie Eurem Fund sehr ähnlich sind (inklusive Trichterform), mache es aber wegen des Copyrights lieber nicht. Von Hugo de Vries gibt es eine recht umfangreiche Monographie über das Phänomen. Der hat durch jahrelange Auslese auch die Häufigkeit des Auftretens erhöhen und somit eine gewisse Erblichkeit nachweisen können, betont aber auch, dass zum wirklichen "Ausbruch" zusätzlich eine sehr gute Ernährung der Pflanze gehört. Es ist eben ein Phänomen von "Überüppigkeit",vermehrter Blattreihen am Stängel. Eine Pflanze mit normal kreuz-gegenständiger Blattstellung wie eben z. B. Baldrian hat 4 Blattreihen. Werden sie auf 5 vermehrt, also wie bei normal spiraliger Blattstellung meistens, kann eine solche Pflanze damit oft "nicht umgehen". Die enge Verbindung, die sonst zwischen den Blattbasen eines ihrer Knoten besteht, bleibt erhalten und erstreckt sich nun über sämtliche Blattansätze und behindert die Stängelstreckung. In der noch nicht gestreckten Knospe hat man hier noch eine ganz regulär spiralige Blattstellung mit einem Divergenzwinkel der Blattansätze nach dem Goldenen Schnitt, wie z. B. bei der Rose. Erst beim Auswachsen kommt es zur Torsion des Stängels und zur Streckung der Blattansatz-Spirale. Man hat also sozusagen einen fortlaufenden, ununterbrochenen Knoten, dessen Auswüchse oben als dichte Reihe von Seitentrieben und darunter sicher noch als eine der Stängeltorsion entgegengesetzt spiralige "Naht" aus alten Blattansätzen erkennbar sind. Schaut mal nach! Ganz unten im zweiten Bild ist ein Stück dieser "Naht" erkennbar.

Schöne Weihnachten!

Manfrid

Manfrid
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Re: Trichterförmiges Gebilde

Beitrag von Manfrid » 24.12.2014, 22:33

P.s.: Hier http://forum.pflanzenbestimmung.de/view ... 5&start=45 hatte ich am 13. 12. 13 mit der Esche eine Pflanze gezeigt, die mit dem Übergang zu 5 Blattreihen und der damit verbundenen spiraligen Blattstellung "besser umgehen kann". Auch sie geht aber bei Überüppigkeit lieber zur 6-Reihigkeit - also alternierenden Dreierknoten - über, wo ja dann wieder knotenweise eine enge ringförmige Verbindung mehrerer (dreier) Blattansätze möglich wird, ohne spiralige Verkettung aller Blattansätze.

Smiley
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Re: Trichterförmiges Gebilde

Beitrag von Smiley » 25.12.2014, 21:40

Vielen herzlichen Dank für diese ausführliche Antwort!
Ich hätte niemals damit gerechnet so eine genaue Beschreibung des Phänomens zu bekommen.
Auf der Suche nach einer Erklärung bin ich sogar schon auf den Beitrag mit der Weigelie gestoßen, aber ich dachte noch, dass es damit nichts zu tun hätte.
Angenehme Weihnachten wünsche auch ich allen hier im Forum!
Smiley =)

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