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Artenschutz vs. Landwirtschaft

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w_rgbg
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Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von w_rgbg » 29.09.2012, 18:49

Hallo,

ich hab da mal eine Frage zum Artenschutz, weil mir auffiel, daß am Rande einer Futterwiese jedes Jahr die dort sprießenden Frühlings-Kuhschellen (Pulsatilla vernalis) ausgerissen werden.
Vermutlich war es der Bauer, weil die Hahnenfuß-Gewächse ja als giftig gelten und ich nehme einfach mal an, daß dieses Protoanemonin wohl auch giftig für Tiere ist. Ist es das wirklich?

Ist in diesem Falle das Ausreißen dann legal? Ich meine einleuchtend wäre es ja - Tierschutz vor Pflanzenschutz. Allerdings müßte man dann wohl auch vieles andere von den Futterwiesen entfernen.

Gibt es hinsichtlich des Artenschutzes bei Pflanzen also eine rechtliche Ausnahmeregelung für Landwirtschaft?
Danke für Antworten und schöne Grüße

Werner

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botanix
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Re: Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von botanix » 30.09.2012, 19:23

Hallo Werner,

Landwirtschaft geht per Gesetz vor Naturschutz.
Inwieweit das auch bei vom Aussterben bedrohten Arten, die streng geschützt sind, gilt ??
http://www.floraweb.de/pflanzenarten/ar ... uchnr=4655
Ich würde mal die Naturschutzbehörde informieren. Kann ja eigentlich nicht angehen, das völlig unnötig die letzten Exemplare einer vom Aussterben bedrohten Art ausgerissen werden, die Viecher wissen normalerweise genau, was ihnen gut tut (Ausnahme Greiskräuter). Vielleicht hilft auch schon die Aufklärung des Landwirts über die besondere Gefährdungssituation der Frühlings-Küchenschelle. Werden die auch wirklich ausgerissen und nicht ausgegraben?

Gruß

Peter
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PeterH
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Re: Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von PeterH » 30.09.2012, 21:11

botanix hat geschrieben: ...
Landwirtschaft geht per Gesetz vor Naturschutz.
...
Hallo Peter,

dies jetzt bitte nicht als Kritik verstehen, aber da ich hier vor Ort immer wieder mit ähnlich gerichteten Problemen zu tun habe:

Wo kann ich dies mal exakt nachlesen, welches Gesetz und welche Paragraphen regeln dies?

Ist die Regelung bundesweit einheitlich oder gibt länderspezifische (hier: Niedersachsen) Unterschiede?


Schönen Gruß

Peter

svekas
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Re: Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von svekas » 30.09.2012, 21:34

Hallo,

daß Landwirtschaft per Gesetz vor Naturschutz ginge, ist mir neu. Es mag sicher sein daß es hier und etwaige Regelungen geben könnte... ich glaube es aber zunächst nicht.

Ich sehe das anders. Wenn man in bestimmten Lebensräumen und für viele Arten einen sinnvollen und Effektiven Arten- und Lebensraumschutz betreiben möchte, kommt man um eine angepasste Landwirtschaft nicht herum.

Wenn ich Naturschutz betreiben will, brauche ich keine Landwirtschaft, keine Forstwirtschaft, keinen Menschen. --> Begriffsdefinition

Was wir i.d.R. wollen, ist Kulturlandschaftsschutz. Wir wollen den Schutz bestimmter, heute nicht mehr gebräuchlicher Bewirtschaftungsweisen, da auf Grund dieser bestimmte Arten erst gefördert wurden. Durch das Wirken des Menschen haben heute seltene und vom Aussterben bedrohte Arten oft nur noch ihren Rückzugsraum in solchen, vom Menschen geschaffenen Lebensräumen.

Soweit zum Grundsatz.

Dies angepasste Bewirtschaftung bedeutet aber auch, daß man mit den richtigen Tieren auch richtig beweidet. Macht man das, braucht man nichts auszureißen. Reißt man Pulsatilla aus, macht man sich strafbar. wer sich strabbar macht, muß auch bestraft werden. Mein Weg wäre eine Anzeige bei der entsprechenden Naturschutzbehörde, ggf. über den örtlichen Naturschutzverein.

Ganz einfach.

svekas

niXda

Re: Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von niXda » 01.10.2012, 16:14

PeterH hat geschrieben:...
Wo kann ich dies mal exakt nachlesen, welches Gesetz und welche Paragraphen regeln dies?
...
Das habe ich mich auch schon gefragt..
http://www.buzer.de/gesetz/8972/index.htm

w_rgbg
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Re: Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von w_rgbg » 05.10.2012, 18:26

Entschuldigung, daß ich erst jetzt antworte.

Ja Peter, die Kuhschellen wurden scheinbar ausgerissen (dieses Jahr und in dem davor), weshalb ich mich ja dann erst gefragt habe, warum jemand so etwas macht. V.a. ist die Stelle an einem kleinen Hang, wo nicht gemäht wird und wenn dann nur Schafe weiden.
Ich hoffe mal, daß im nächsten Frühjahr vielleicht dort noch einmal ein solches Pflänzchen sprießt - wenn dann das wieder passiert, dann werd ichs melden. Aber es läßt sich halt leider nicht nachweisen, wer es tut.
Immerhin zum Trost - ich kenn eine Stelle so 25km von mir entfernt, wo die Frühlings-Kuhschelle seit jeher auch etwas "flächiger" gedeiht, und den Pflanzen niemand ein Haar krümmt.

Gruß
Werner

Gregor
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Re: Artenschutz vs. Landwirtschaft

Beitrag von Gregor » 06.10.2012, 21:04

Hallo allerseits,

zu den gesetzlichen Regelungen:

Für alle wildlebenden Arten gilt nach § 39 des Bundesnaturschutzgesetzes (BNatSchG) ein allgemeiner Schutz, der besagt:

- Es ist verboten, wildlebende Pflanzen [wozu hier im juristischen Sinne auch die Flechten & Pilze gestellt werden] ohne vernünftigen Grund von ihrem Standort zu
entnehmen oder zu nutzen oder ihre Bestände niederzuschlagen oder auf sonstige Weise zu verwüsten (Absatz 1, Nummer 2) und Lebensstätten wild lebender Tiere und
Pflanzen ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen oder zu zerstören (Absatz 1, Nummer 3).
- Jeder darf abweichend von Absatz 1 Nummer 2 wild lebende Blumen, Gräser, Farne, Moose, Flechten, Früchte, Pilze, Tee- und Heilkräuter sowie Zweige wild lebender
Pflanzen aus der Natur an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf pfleglich entnehmen und sich aneignen
(Absatz 3).

Darüber hinaus werden in der Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV) die streng geschützten sowie die besonders geschützten Gattungen und Arten aufgeführt. Bei Gesetzesverstößen gilt für streng geschützte Arten ein höheres Strafmaß als für besonders geschützte Arten.

Für die in der Bundesartenschutzverordnung aufgeführten Arten gilt § 44 des BNatSchG "Vorschriften für besonders geschützte und bestimmte andere Tier- und Pflanzenarten":

- Es ist verboten (Absatz 1, Nummer 4) wild lebende Pflanzen der besonders geschützten Arten oder ihre Entwicklungsformen aus der Natur zu entnehmen, sie oder ihre
Standorte zu beschädigen oder zu zerstören (Zugriffsverbot).
- Es ist ferner verboten (Absatz 2, Nummer 1) Tiere und Pflanzen der besonders geschützten Arten in Besitz oder Gewahrsam zu nehmen, in Besitz oder Gewahrsam zu
haben oder zu be- oder verarbeiten (Besitzverbote), Tiere und Pflanzen der besonders geschützten Arten im Sinne des § 7 Absatz 2 Nummer 13 BNatSchG Buchstabe b
und c zu verkaufen, zu kaufen, zum Verkauf oder Kauf anzubieten, zum Verkauf vorrätig zu halten oder zu befördern, zu tauschen oder entgeltlich zum Gebrauch oder
zur Nutzung zu überlassen sowie zu kommerziellen Zwecken zu erwerben, zur Schau zu stellen oder auf andere Weise zu verwenden (Vermarktungsverbote).

Gleichfalls in § 44 des BNatSchG werden weitreichende Ausnahmen zu den oben genannten Verboten erlassen:
- Absatz 4: Entspricht die land-, forst- und fischereiwirtschaftliche Bodennutzung und die Verwertung der dabei gewonnenen Erzeugnisse den in § 5 Absatz 2 bis 4 dieses
Gesetzes genannten Anforderungen sowie den sich aus § 17 Absatz 2 des Bundes-Bodenschutzgesetzes und dem Recht der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft
ergebenden Anforderungen an die gute fachliche Praxis, verstößt sie nicht gegen die Zugriffs-, Besitz- und Vermarktungsverbote. []
- Absatz 5: Für nach § 15 BNatSchG zulässige Eingriffe in Natur und Landschaft sowie für Vorhaben im Sinne des § 18 Absatz 2 Satz 1, die nach den Vorschriften des
Baugesetzbuches zulässig sind, gelten die Zugriffs-, Besitz- und Vermarktungsvervote nach Maßgabe der Sätze 2 bis 5. [FFH-Arten Anhang IV]. [] Sind andere besonders
geschützte Arten betroffen, liegt bei Handlungen zur Durchführung eines Eingriffs oder Vorhabens kein Verstoß gegen die Zugriffs-, Besitz- und Vermarktungsverbote
vor.
- Absatz 6: Die Zugriffs- und Besitzverbote gelten nicht für Handlungen zur Vorbereitung gesetzlich vorgeschriebener Prüfungen, die von fachkundigen Personen unter
größtmöglicher Schonung der untersuchten Exemplare und der übrigen Tier- und Pflanzenwelt im notwendigen Umfang vorgenommen werden. [].

Für streng geschützte und besonders geschützte Arten gilt im Sinne der Rechtsverordnung § 54 BNatSchG, dass das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit ermächtigt wird:
§ 54 (6) 2 Handlungen oder Verfahren, die zum örtlichen Verschwinden oder zu sonstigen erheblichen Beeinträchtigungen von Populationen wild lebender Tier- und Pflanzenarten führen können, zu beschränken oder zu verbieten.

Für besonders geschützte Arten gilt, dass deren gewerbliche Nutzung verboten ist, für alle nicht geschützten Arten ist die gewerbliche Nutzung genehmigungspflichtig.

Schöne Grüße aus Kiel

Gregor
Names have the same value on the marketplace of botany
as coins have in public affairs, which are daily accepted
as certain values by others, without metallurgical examination.

Linnaeus, Critica Botanica, 1736 p. 204

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