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Aberrationen und Anomalien - Teil 2

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Manfrid
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 10.06.2021, 08:18

Vroni hat geschrieben:
09.06.2021, 13:18
So langsam mache ich mir Gedanken...
Das hat jedenfalls nichts mit schlechtem Vorbild in Sachen Doppelzüngigkeit oder so zu tun, sondern mit "zu guter" Pflege. Da wird auch ein Sedum sexangulare schon mal zu einem S. heptangulare usw.

Manfrid

Vroni
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Vroni » 11.06.2021, 15:47

Hallo Manfrid

Inwiefern «zu gute Pflege» denkst du? Bei meiner chronischen Vernachlässigung infolge zu vieler Pflanzen kann ich mir das nicht vorstellen. ;)

LG
Vroni

Manfrid
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 11.06.2021, 17:59

Hast vielleicht zu hohe Maßstäbe. Ohne Deine "chronische Vernachlässigung" wäre die Aloysia vermutlich pentaphyll. ;)

Vroni
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Vroni » 12.06.2021, 10:15

Die überwintert bei mir kalt, wird im Frühling, wenn sich Leben zu zeigen beginnt, runtergesäbelt, steht schon seit Jahren im selben Topf und gedüngt wird fast gar nicht. Aber was mir die Gedanken macht, ist nicht die Vierblättrigkeit, sondern die Häufung des Auftretens dieser «gespaltenen» Blätter – schade, dass der Anfang dieses Threads gelöscht wurde, damit ich da noch mal eure Informationen nachlesen könnte, was das ist und was dabei geschieht.

Wenn es einfach eine oder vielleicht zwei Pflanzen wären – na gut. Aber nun habe ich dies innert zwei oder drei Saisons an Psidium cattleyanum, Annona cherimola, Citrus sulcata und Aloysia citrodora erlebt, bei der Aprikose Ähnliches mit der zweiteiligen Frucht. Hab ich noch was vergessen? Da frage ich mich schon langsam, was auf meiner Terrasse zu diesen Mutationen an so unterschiedlichen Gewächsen führt (okay, es gibt noch was anderes, das auch mit in die Gedanken reinspielt). Kannst du mir vielleicht noch mal die richtigen Stichworte zu der Sache geben, damit ich nachlesen kann?

LG
Vroni

Marlies
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Marlies » 16.06.2021, 10:57

Die einzige verbliebene Diskussion zu zweispitzigen Blättern (ist im Wildpflanzenforum der Löschung entgangen): viewtopic.php?f=4&t=23511&p=89730&hilit ... lie#p89730

------------------

Kompletter diesjähriger Trieb von Carpinus betulus aus einer Heckenpflanzung:
IMG_20210616_082019765~3-01.jpeg
IMG_20210616_082019765~3-01.jpeg (137.89 KiB) 442 mal betrachtet
Ich habe mal versucht, das aufzudrieseln. Die Blattstellung ist (nahezu) gegenständig, aber nicht kreuzgegenständig. Vielmehr scheinen sich die Blattpaare sozusagen um die Sprossachse herum zu drehen. Erst an der Sprossspitze geht die Pflanze zur regulären Wechselständigkeit über.
Daraufhin hatte ich die recht lange Hecke abgesucht; es blieb ein Einzelfall.

Marlies

Manfrid
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 16.06.2021, 20:04

Sehr hübsch. Erinnert mich an meine Aussaat von Ulmus campestris vor vielen Jahren, wo ich die Entwicklung der zweizeiligen Blattstellung (die Carpinus ja auch hat) beobachten wollte. Da ging es ebenfalls mit Blattpaaren los. Ist aber bei Carpinus nicht üblich.
Spiralig aufeinander folgende Blatt-, bzw. dann Dornenpolster-Paare findet man bei Kakteen, die ja überhaupt das größte Spektrum an verschiedenen Blattstellungen vorführen, recht häufig. Aber auch unsere Karde (Dipsacus sylvestris) demonstriert das ganz regulär (besonders deutlich an den Überwinterungsrosetten und jetzt dann an den Hüllkelchen der Blütenköpfe). An regulären Blütenköpfen (nicht der große Endkopf und keine mickrigen Nachblüten, die unregelmäßiger sind) hat man die Blütchen dann oft in doppelt-fibonaccizähligen Spiralscharen stehen (gut zu sehen meist 26 in einer, 42 in der anderen Richtung). Das heißt, der Winkel zwischen zwei aufeinanderfolgenden Blattpaaren ist nicht, wie bei Einzelblättern, der des Goldenen Schnittes (ca. 137,5°) sondern die Hälfte (bei spiralig aufeinander folgenden 3er-Wirteln 1/3 usw.).
Also, wohl mal wieder ein Beispiel für das im gelöschten Thread schon besprochene Prinzip, dass das für bestimmte Arten Abnorme nicht regellos, sondern bei anderen Arten durchaus das Normale ist.

Manfrid

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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Marlies » 16.06.2021, 23:23

Interessant zu hören, dass mein Zufallsfund nun doch nicht sooo selten ist. Ich hatte angestrengt und ergebnislos gegrübelt, ob ich Vergleichbares schon als regulär kenne. Hatte aber nur Gehölze auf dem Schirm, Kakteen und Karde gar nicht. Schade, dass das Rosettenfoto der Karde (ich weiß, dass es eins gab) weg ist. Bilder erleuchten mich ja immer mehr als Worte. ;) Aber ich kann nächstens in natura gucken.

Also vielen Dank für den Kommentar!
Marlies

Manfrid
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 17.06.2021, 07:36

Marlies hat geschrieben:
16.06.2021, 23:23
Bilder erleuchten mich ja immer mehr als Worte.
Weil die Karde vermutlich leicht in natura anzugucken ist, hier ein Ferocactus gracilis mit spiralig aufeinander folgenden Areolenpaaren:

b11 Ferocactus gracilis.jpg
b11 Ferocactus gracilis.jpg (121.17 KiB) 418 mal betrachtet

Er ist gerade sprunghaft durch Einfügung von 6 neuen von 10 zu 16 Rippen übergegangen (die verdoppelten Fibonacci-Zahlen 3, 5 und 8).

Manfrid

P. s.: Übrigens habe ich bei Epilobium hirsutum auch schon solche spiralig gestellten Blattpaare gesehen - um noch was Einheimisches zu nennen.

Marlies
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Marlies » 17.06.2021, 19:40

Das war dann hoffentlich meine Erleuchtung für die Kakteen:
b11 Ferocactus gracilis_bearb.jpg
b11 Ferocactus gracilis_bearb.jpg (122.06 KiB) 401 mal betrachtet
Mein anomaler Carpinus-Zweig macht es jedenfalls so - womit wir wieder beim Thema wären. Die Parallele ist wirklich verblüffend.
Dankeschön!

Marlies

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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 17.06.2021, 20:03

Ja, so sind die Paarungen. Übrigens kann man auch bei Kiefern- und Fichtenzapfen gelegentlich diese Schuppenstellung finden.

Manfrid

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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Marlies » 23.06.2021, 18:16

Es langweilt hoffentlich nicht, wenn es noch mal zu der Hainbuchen-Schnitthecke zurück geht.
Manfrid hat geschrieben:
16.06.2021, 20:04
... der zweizeiligen Blattstellung (die Carpinus ja auch hat)
Aha. Dann haben diese Heckenpflanzen ja noch eine zweite Absonderlichkeit! Für die waagerecht und schräg wachsenden Zweige stimmt distich, die senkrechten sind in der Regel spiralig-wechselständig beblättert.
IMG_20210623_125122392_HDR~2-01.jpeg
IMG_20210623_125122392_HDR~2-01.jpeg (76.34 KiB) 331 mal betrachtet
Vielleicht hat das etwas mit maximal möglicher Belichtung zu tun, ist nur so eine Idee. Aber wie auch immer: Wenn man arttypische Blattstellung sehen will, dann lieber nicht an solchen "Kunstprodukten". Das verwirrt nur.

Marlies

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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 24.06.2021, 08:00

Marlies hat geschrieben:
23.06.2021, 18:16
Wenn man arttypische Blattstellung sehen will, dann lieber nicht an solchen "Kunstprodukten". Das verwirrt nur.
Och, die Naturprodukte können einen da schon auch verwirren, wenn man von ihnen zu viel Einheitlichkeit verlangt. Bei irgend so einem sonst streng zweizeilig belaubten Cotoneaster hier habe ich bei starken aufrechten Trieben gelegentlich schon spiralige Belaubung gefunden, und Haselnuss und Esskastanie zeigen das ebenfalls regelmäßig. Hängt auf alle Fälle mit der Kräftigkeit und Wuchsrichtung der Triebe zusammen. Die aus der Senkrechten ausscherenden nehmen schon etwas den Charakter eines (gefiederten) Blattes an durch ihre Blattstellung.

Manfrid

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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 06.07.2021, 20:45

Auf einer Rabatte mit Erigeron hier finden sich immer wieder zahlreiche Blütenköpfe mit Strahlenblüten im Zentrum.

Erigeron 3.JPG
Erigeron 3.JPG (188.67 KiB) 210 mal betrachtet

Übergangsformen zeigen, dass man sich das als eine Einstülpung der Peripherie mit anschließender Abschnürung vorstellen kann. Oder als eine Verbänderung mit ringförmigem Zusammenschluss der beiden Enden (Ringfasziation).

Erigeron 1.JPG
Erigeron 1.JPG (189.89 KiB) 210 mal betrachtet
Erigeron 2.JPG
Erigeron 2.JPG (160.77 KiB) 210 mal betrachtet

Interessant ist, dass die im Inneren des Kopfes eingeschlossenen Strahlenblüten und die ihnen benachbarten Röhrenblüten, obwohl sie ja eigentlich zu den älteren Außenorganen gehören, sich ganz brav weitgehend der von außen nach innen (zentripetal) verlaufenden Aufblühfolge unterordnen.
Übrigens sind es in aller Regel die starken Endköpfe, die ringverbändert sind.
Ähnliches kenne ich von Sonnenblumen und Löwenzahn (Taraxacum).

Manfrid

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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Anagallis » 06.07.2021, 21:39

Kommen ganz innen dann nochmal Röhrenblüten?

Manfrid
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Re: Aberrationen und Anomalien - Teil 2

Beitrag von Manfrid » 07.07.2021, 08:12

Nein, da kommen dann nochmal grüne Involukral- (Hüllkelch-)Blätter wie ganz außen - jedenfalls bei den erwähnten Sonnenblumen und Löwenzähnen. So einen Erigeron-Kopf habe ich (noch) nicht seziert, weil ich mir da wegen der Übergangsformen zu sicher war. Aber die Frage ist berechtigt, denn durchgewachsene Köpfe, wo dann nochmal Röhrenblüten kommen, gibt es durchaus auch. Da wäre allerdings nochmal ein Stängelstück zwischen unterer und oberer Etage zu erwarten. Man könnte das als eingestülpte Seitentriebe ansehen. Ich entsinne mich aber, auch schon zwei konzentrische Kreise von Zungenblüten mit Röhrenblüten dazwischen und ganz innen gesehen zu haben - bei Zinnien. Das wäre dann so ein Mittelding zwischen Durchwachsung und Ringfasziation.

Manfrid

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