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Krustenflechte?

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Jule
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Krustenflechte?

Beitrag von Jule » 13.04.2007, 21:26

Hi!

Ich komme nicht weiter. Mir fehlt die Literatur. Ich würde hier eine Krustenflechte vermuten..aber weiter?

Ich habe die Flechte am 13. Februar 2006 an dem Magnolienstamm in unserem Garten gefunden (Magnolie lebend).

Wer kann helfen?
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Beitrag von Jule » 13.04.2007, 21:31

Und diese Flechte habe ich am 14. Februar 2007 (Exsikkat existiert), an einer frisch gefällten Pappel (Populus spec.) gefunden.

Ist diese die gleiche wie die oben genannte?

mfg Jule
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Gregor
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Beitrag von Gregor » 14.04.2007, 18:27

Hallo Jule,

die ersten beiden Bilder zeigen in der Tat eine Krustenflechte, sie ist (in Schleswig-Holstein) eine der häufigsten Krustenflechten an glattrindigen Laubgehölzen. Bei dieser Flechte handelt es sich um Lecidella elaeochroma f. elaeochroma. Dabei steht f. für forma (= Form). Je nach Sichtweise haben leider oder Gott sei dank gerade Krustenflechten keine deutschen Namen, es genügt also vollkommen mit den lateinischen, wissenschaftlichen Bezeichnungen zu arbeiten. Es gibt auch eine Form mit Soralen: Lecidella elaeochroma f. soralifera. Auch diese Form kommt in Schleswig-Holstein vor, aber nicht so häufig wie die Nominatform. Sorale sind Aufbrüche im Lager der Flechte. Das Lager einer Flechte bezeichnet man fachlich als Thallus. Die beiden untersten Bilder zeigen möglicherweise ebenfalls diese Flechte, aber in gequollenem, feuchten Zustand. (Ganz sicher ist das nicht, denn die Bilder sind etwas unschärfer). Die oberen beiden Bilder sind dagegen im trockenen Zustand aufgenommen. Das ist optimal, denn es ist Konvention die Farbe der Flechten im trockenen Zustand zu beurteilen. Mit zunehmender Feuchtigkeit kann sich die Farbe bei vielen Flechten mehr oder weniger stark verändern. Flechten sind sogenannte poikilohydre Organismen, d. h. sie nehmen den Feuchtigkeitsgehalt der Umgebung an. Sie können bei größerer Nässe also aufquellen oder im umgekehrten Fall eben auch wieder austrocknen. Dabei ist es aber nicht zwingend notwendig, dass Wasser im tropfenform (flüssiger Aggregatszustand) vorhanden ist. Denn Flechten sind in der Lage Wasser auch im gasförmigen Aggregatszustand aufzunehmen (rein passiv). Sie reagieren also auch schon auf eine höhere Luftfeuchtigkeit (auch ohne das Regen fällt - wie gesagt - der flüssige Aggregatszustand ist nicht notwendig).
Flechten sind übrigens Doppellebewesen, die im einfachsten Fall aus zwei Partnern, einem Pilzpartner (meist einem Ascomyceten/Schlauchpilz) und einem Photosynthese treibenden Partner bestehen. Dabei (bei dem Photosynthese treibenden Partner) kann es sich um eine Alge oder eine Cyanobakterie handeln. Ein häufiger Algenpartner der Flechten ist beispielsweise die Gattung Trebouxia (Grünalge). Es gibt auch Flechten, die sowohl eine Alge als auch eine Cyanobakterie als Partner aufweisen (hier wären also drei Partner vorhanden). Bei deiner Flechte ist der Pilz ein Ascomycet/Schlauchpilz. Die kleinen schwarzen Tellerchen auf deinen ersten beiden Fotos sind die Fruchtkörper der Flechte. Diese Fruchtkörper werden fachlich als Apothecien bezeichnet. In diesen Apothecien (= Fruchtkörpern) befinden sich die Schläuche mit den Sporen. Diese Strukturen dienen der sexuellen Vermehrung der Flechte.
Die Flechten werden systematisch mit in das System der Pilze eingeordnet. Sie nehmen allerdings ökologisch eine Sonderstellung ein. Flechten sind gewissermaßen ernährungsphysiologische Sonderformen der Pilze, die es geschafft haben sekundär Photosynthese betreiben zu können (der Pilz kann dies natürlich nicht, diesen Part haben die Algen bzw. die Cyanobakterien zu erledigen).

Soweit erstmal, schöne Grüße aus Kiel

Gregor

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Beitrag von Jule » 14.04.2007, 19:10

Hi Gregor!

Vielen Dank für die ausführliche Erläuterung:) Ich kann mir die 2. Flechte gerne im Trockenzustand angucken, hab hier ja irgendwo ein Exsikkat davon herumliegen.

Die unteren Bilder sind nicht unschärfer sondern schärfer:P Wirkt wahrscheinlich nur so durch die Bildgröße.

mfg Jule

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Beitrag von Wal » 14.04.2007, 19:13

Hallo Jule!

Ein Exsikkat ist die vollständige Flechte, oder das Abgeschabte?
Grüsse Kevin

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Beitrag von Jule » 14.04.2007, 19:14

Hi!

Ein Exsikkat heißt einfach nur "Beleg". Wenn ich eine Pflanze presse, lege ich so also auch ein Exsikkat an:)

mfg Jule

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Beitrag von Wal » 14.04.2007, 19:18

Und wie hast du es von der Flechte angefertigt? Herausgeschnitten? :shock:
Grüsse Kevin

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Beitrag von Jule » 14.04.2007, 19:20

Hi!

Naja, in dem Falle war es relativ leicht. Hab mit dem Taschenmesser drunter gehebelt, war ja nur Rinde. Wie ich Krustenflechten auf Stein abbekomme weiß ich leider nicht:D

mfg Jule

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Beitrag von Gregor » 14.04.2007, 19:26

Hallo,

Krustenflechten sind immer fest mit ihrer Unterlage verbunden, d. h. man bekommt sie, wenn man Belege sammeln möchte, nur mit einem Stück der Unterlage ab. Bei Krustenflechten auf Stein bleibt nichts anderes übrig als Hammer und Meißel zu benutzen. Es gibt Gesteinsarten bei denen das relativ leicht ist, z. B. Buntsandstein (da kann man sich meist leicht Platten abhebeln). Es gibt aber auch Gesteinsarten bei denen das eine echt schwierige, harte Arbeit ist, z. B. hartes Kalkgestein.

Schöne Grüße aus Kiel

Gregor

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Beitrag von Wal » 14.04.2007, 19:42

Hallo,

ist zwar jetzt etwas Off-Topic (Sorry Jule), aber wie trocknet man Tannenzapfen? Im Ofen, um ein Exsikkat zu haben?
Grüsse Kevin

Gregor
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Beitrag von Gregor » 14.04.2007, 20:38

Hallo Kevin,

ich denke es reicht völlig aus "Tannen"-Zapfen (botanisch wird es sich korrekt wohl eher um Fichtenzapfen handeln) draußen an der Sonne oder auf einer Heizung (vielleicht im Heizungskeller?) zu trocknen. Bei Tannen (Gattung Abies) fallen die einzelnen Samenschuppen bei Reife der Samen nach und nach ab und es bleibt nur eine Spindel stehen. Hingegen werfen Fichten (Gattung Picea) oder Douglasien (Gattung Pseudotsuga) ihre Zapfen als Ganzes ab. In der regel werden die Fichtenzapfen (aus botanischer Sicht) im Volksmund als "Tannenzapfen" bezeichnet. In der Umgangssprache hat das seine Berechtigung. In der Botanik ist diese Bezeichnung hingegen schlichtweg falsch.

Schöne Grüße aus Kiel

Gregor

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Beitrag von Wal » 14.04.2007, 20:50

Gregor hat geschrieben: In der Botanik ist diese Bezeichnung hingegen schlichtweg falsch.
Hi!

Oh, daß wußte ich nicht. :oops:
Danke für die Antwort!
Grüsse Kevin

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Beitrag von Gregor » 18.04.2007, 10:22

Hallo Jule,

um mal wieder auf die abgebildeten Krustenflechten zurückzukommen hier eine Angabe um die Autorenzitate ergänzt:

Lecidella elaeochroma (Acharius) Hazslinszky de Hazslin f. elaeochroma
Zur Erinnerung: f. steht für forma (= "deutsch" Form)

Schöne Grüße aus Kiel

Gregor

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