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Die essbare Kermesbeere - warum heißt die eigentlich essbar?

Wer eine Wildpflanze aus Europa bestimmt haben möchte, kann hier eine Bestimmungsanfrage dazu stellen.

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1. Bildanhänge für Themen und neue Beiträge dürfen nicht größer als 800 x 600 sein, ansonsten funktioniert der Upload nicht!

2. Bitte zu jeder Anfrage einen Fundort (Land,Stadt, Umgebung, Habitat etc.) und Funddatum angeben
3. Bitte nicht mehr als 3 Pflanzen pro Thema anfragen (wird sonst unübersichtlich)
4. Herbarium-Anfragen von Schülern und Studenten werden NUR noch mit eigenen Bestimmungsversuchen akzeptiert - Sonst Löschung des Beitrages

TIPP: Je mehr Detailbilder ihr von einer Pflanze zeigt, also zum Beispiel Gesamtaufnahme der Pflanze, Blatt + Blüte von oben und unten, Stängel unten + oben, Früchte oder weiteres, desto größer ist der Bestimmungserfolg und die Artansprache hier im Forum.
Weiterhin viel Spass im Forum :)
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Spauserine
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Die essbare Kermesbeere - warum heißt die eigentlich essbar?

Beitrag von Spauserine » 09.08.2011, 12:19

Die essbare Kermesbeere - warum heißt die eigentlich essbar? Die Samen der Beeren sind doch giftig, oder?

hermann
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von hermann » 09.08.2011, 16:01

Hallo und guten Tag!
Rothmaler IV spricht vorsichtshalber erst gar nicht von "essbar" sondern von "Asiatischer Kermesbeere" im Gegensatz zu Ph. americana - Amerikanische Kermesbeere. Bei Letzerer wird auf die Giftigkeit aller Pflanzenteile hingewiesen. Haeupler-Muer haben bei beiden das Giftsymbol. Offenbar ich Ph. esculenta weniger giftig als ihre Schwester.
(Hoffentlich ist "essbar" nicht so gemeint, wei es schon mal bei den Pilzen geschieht:
Essbar sind sie alle, manche allerdings nur ein einziges Mal :lol: )
Vielleicht haben ganz mutige Forumsteilnehmer bereits Erfahrungen mit der Essbarkeit von Ph. gesammelt, falls sie denn noch in der Lage sind sie weiterzugeben ...
Gruß von Hermann aus Siegen

Murx Pickwick
Beiträge: 76
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von Murx Pickwick » 10.08.2011, 20:04

Es ist ein Phänomeen in der heutigen Zeit, daß etliche alte Gemüsesorten zu richtig bös giftigen Pflanzen mutieren, ohne sich genetisch zu verändern ... den absoluten Rekord dieser Umwandlung hält mit Abstand der Wiesenbärenklau (Heracleum sphondylium), dessen junge Blätter sogar als Salat verspeist wurden, nun aber mit Einfuhr des Riesenbärenklaus (Heracleum mantegazzianum) und Bekanntwerden dessen Wirkung bei etlichen Giftnotzentralen auf der Liste der tödlich giftigen Pflanzen direkt bei Eibe und Eisenhut gelandet ist!
Und warum?
Weil er die gleichen Wirkstoffe besitzt, wie der Riesenbärenklau, ohne daß je berücksichtigt wurde, daß die Dosis das Gift ausmacht ...

Der eßbaren Kermesbeere ist etwas ganz ähnliches passiert, ihre jungen Blätter wurden früher gekocht, das Kochwasser weggeschmissen und man hatte ein sehr schmackhaftes Gemüse - heutzutage ist das Kraut giftig, allerdings nicht so tödlich giftig, wie der Wiesenbärenklau ...

Wird die Kermesbeere roh gegessen, kann sie ab einer gewissen Menge zu Erbrechen, Kopfschmerz etc führen, noch problematischer ist hier allerdings die amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana), bei der kommen ungleich mehr Vergiftungen vor. Es ist allerdings anzumerken, daß die individuelle Empfindlichkeit auf diese Gewächse sehr unterschiedlich ist, so können einige Menschen die Blätter der Kermesbeeren als Salat verspeisen, ohne daß ihnen was passiert, andere landen damit wegen anhaltenden Erbrechens, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen im Krankenhaus.
Auffällig dabei ist, daß es in USA bei gleicher gegessener Menge der gleichen Art deutlich mehr und schwerere Vergiftungsfälle gibt, wie in Europa ... die Erklärung könnte das Giftprinzip sein.
Kermesbeeren, auch die Eßbare, enthalten Triterpensaponine. Diese tun normalerweise nix, sie werden gegessen, wandern durch den Darmtrakt, schwächen da ein paar Bakterien und, wenn vorhanden, Darmparasiten und werden wieder ausgeschissen ... so zumindest beim rundum gesunden Menschen.
Wer jedoch viel Fertigfutter, MacDoof und Co oder Getreideprodukte frißt, ist nicht gesund im Darm - im Gegenteil, die Darmwand sowohl im Dünndarm, als auch im Dickdarm verändert sich und wird durchlässiger ausgerechnet für Saponine ... die Triterpensaponine der Kermesbeere gelangen also nun in den Körper! Und dort gehören sie nun wirklich nicht hin ... die Folge sind Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerz ... und wir sind bei den Symptomen einer Kermesbeerenvergiftung!

Wir haben also bei den Kermesbeeren zwei Effekte, welche sie giftig machen:
1. Die Zubereitungsart dieser Pflanzen ist zur Zeit der Industrialisierung vergessen worden - ein roher Genuß dieser Pflanze ist nicht ratsam, trotzdem wird er gerade in den USA häufig ausprobiert. Früher wußten die Leutz noch, daß sie das Zeug totkochen müssen.
2. Die mo(r)derne Art der Ernährung mit Fertigheimer und hohem Anteil an Getreide macht Menschen empfindlicher auf das Giftprinzip der Kermesbeeren.

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Sandfloh
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von Sandfloh » 10.08.2011, 20:14

Murx Pickwick hat geschrieben: 1. Die Zubereitungsart dieser Pflanzen ist zur Zeit der Industrialisierung vergessen worden - ein roher Genuß dieser Pflanze ist nicht ratsam, trotzdem wird er gerade in den USA häufig ausprobiert. Früher wußten die Leutz noch, daß sie das Zeug totkochen müssen.
Mir ist nur bekannt, dass der Saft der Beeren früher zum Rot-Färben von Wein benutzt wurde, kann also kein tödliches Gift sein. Wahrscheinlich wurde erhitzter Saft (Dampfentsafter) benutzt.

Gruß Matthias

Murx Pickwick
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von Murx Pickwick » 10.08.2011, 20:26

Beim Weinfärben spielt allerdings auch die Menge eine Rolle ... der Saft nur weniger reifer Kermesbeeren färbt einen Liter Weißwein in einen wunderschönen dunklen Rose bis Rotwein ...
Laut Frohne und Pfänder, Giftpflanzen, sind bis zu 10 rohe, reife Beeren der Kermesbeere für Jugendliche und Ausgewachsene unbedenklich.
Also muß man schon mehr wie nen Liter gefärbten Weines saufen, um ne ordentliche Kermesbeerenvergiftung zu bekommen, selbst wenn die Beeren beim Färben noch denselben Saponingehalt haben. Da stellt sich dann allerdings langsam die Frage, ob die Kopfschmerzen und die Übelkeit nun wirklich von der Kermesbeerenfärbung herkommen, oder nicht vielmehr durch eine zu intensive Würdigung des edlen Tropfens ... :D

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Carex
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von Carex » 20.08.2011, 22:49

Hi, ich habe vor einiger Zeit die bodenlose Unverfrorenheit besessen, in einem Gartenforum Phytolacca esculenta zu bestimmen, inclusive des deutschen Namens Essbare Kermesbeere. Prompt kamen Postings, wie unverantwortlich es doch sei, sie als essbar zu bezeichnen, obwohl sie giftig sei. Es würden ja auch Kinder mitlesen und ich sollte mich beim Artnamen ergoogeln doch besser informieren und bla bla. Naja, da trifft die Bezeichnung "geistige Kleingärtner" sehr gut zu :mrgreen:

Grüße,
David
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niXda

Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von niXda » 21.08.2011, 15:25

Die sollten nicht soviel rumgoogeln (..Rumkugeln?.. :lol: ) sondern mal ihr Latein - Deutsch überprüfen..der Artname "esculenta" bedeutet im deutschen schließlich soviel wie "essbar" (auch "Speise-")..(tztztz)

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Hegau
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von Hegau » 24.08.2011, 00:31

niXda hat geschrieben:Die sollten nicht soviel rumgoogeln (..Rumkugeln?.. :lol: ) sondern mal ihr Latein - Deutsch überprüfen..der Artname "esculenta" bedeutet im deutschen schließlich soviel wie "essbar" (auch "Speise-")..(tztztz)
siehe Rana esculenta

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niXda

Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von niXda » 26.08.2011, 12:11

Hegau hat geschrieben:...
siehe Rana esculenta
...
Ja..an die Franzosen dachte ich dabei auch.. :)

wall2000
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von wall2000 » 16.05.2012, 21:33

Murx Pickwick hat geschrieben:Wiesenbärenklau (Heracleum sphondylium), dessen junge Blätter sogar als Salat verspeist wurden, nun aber mit Einfuhr des Riesenbärenklaus (Heracleum mantegazzianum) und Bekanntwerden dessen Wirkung bei etlichen Giftnotzentralen auf der Liste der tödlich giftigen Pflanzen direkt bei Eibe und Eisenhut gelandet ist!
Und warum?
Weil er die gleichen Wirkstoffe besitzt, wie der Riesenbärenklau, ohne daß je berücksichtigt wurde, daß die Dosis das Gift ausmacht ...
Also, mir ist das nicht bekannt, und in meinem Pflanzenbuch (200 eßbare Wildpflanzen von Steffen Guido Fleischhauer]
steht auch was anderes, ich esse den regelmässig und in größeren Mengen - vorallem die Stengel sind ein Genuß !

Wer jedoch viel Fertigfutter, MacDoof und Co oder Getreideprodukte frißt, ist nicht gesund im Darm
...und auch nicht gesund im Kopf !

Gregor Dietrich
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Re: Die am häufigsten gefragten Pflanzen

Beitrag von Gregor Dietrich » 19.06.2012, 07:49

Hermann, Deine launige Antwort ist ja ganz nett, inhaltlich aber nicht ganz treffend: Bei der Wiesen-Bärenklau geht es nicht um die Dosis. Bärenklauen sind ja phototoxisch, und üblicherweise reißt niemand so weit das Maul auf, dass die Sonne reinscheint. Außerdem sind sie eindeztig gekocht vorzuziehen.
Dass die Kermesbeeren nennenswert giftig wären ist BTW eine der vielen Lügengeschichten des bekannten glühenden Nazis Fritz Zweigelt, Biologe und Rebenzüchter. Da er ein Direktträgerhasser war, manipulierte er Studien, die nachher aussagten, dass Direktträger durch hohen Methanolgehalt giftig wären, ebenso schob er der Weißwein-in-Rotwein-Verwandlung durch Kermesbeeren dadurch einen Riegel vor, dass er deren Giftigkeit aufbauschte. Die asiatischen Kermesbeeren (zur Artzugehörigkeit später) sind nämlich kaum giftig. Dass die Samen giftig sind kann uns wurscht sein, solange wir sie nicht zerkauen, was schwierig ist, oder zermalmen, wenn wir aus den Beeren Gelee machen wollen. Unzerkaut geschluckt sind sie genauso ungefährlich wie bei den vergleichbaren Giftpflanzen Schlehe, Kirsche, etc. Auch Eibensamen kann man unzerkaut übrigens bedenkenlos schlucken, die sind aber leicht zerkaubar, dann wird's gefährlich. Die Blätter der asiatischen Kermesbeeren sind im Gegensatz zur Amerika-Kermesbeere ohne jegliches Verwerfen des Kochwassers essbar.
Zur Artzugehörigkeit: Die vor einiger Zeit in Europa und in China noch vor kurzem als getrennte Arten angesehenen Ph. acinosa und Ph. esculenta werden heute auch von chinesischen Autoren unter dem älteren Namen Ph. acinosa vereint, während die Dritte im Bunde, Ph. polyandra, weiter als eigene Art aufgefasst wird. Siehe auch: http://www.efloras.org/florataxon.aspx? ... _id=125362

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