Aberrationen/Anomalien

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Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 22.12.2013, 23:00

Hallo,

ein Tütenblatt vom Ende eines Zweiges der Winterlinde.

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Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 23.12.2013, 22:28

... Und bei der Haselnuss hat es gleich mehrere Blätter am Ende des Schösslings erwischt. Allerdings passt hier die Bezeichnung "Schildblatt" (peltates Blatt) besser.

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Kruemelkoenig
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Kruemelkoenig » 24.12.2013, 01:53

super, sowas habe ich noch nie gesehen *neidisch* :mrgreen:
lg, Georg

Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 24.12.2013, 22:22

... Also dann gleich noch eins drauf!
Tütenblätter kommen öfter mal anstelle eines Seitensprosses oder direkt als Sprossende vor, so dass man sie als Verschmelzungsprodukte mehrerer Blätter auffassen kann (ähnlich wie die "Pelorien" im Blütenbereich). Wenn sie bei Ulme, Linde und Hasel direkt anstelle normal offener Blätter auftreten, liegt ein Verdacht nicht ganz fern: dass hier nämlich jedes Blatt in höherem Maße als sonst auch einen gewissen Sprossend-Charakter hat. Dass die gezeigten Gehölze (Hasel mit Einschränkung) "sympodial" wachsen, die Spitze des Jahrestriebes also ihr Wachstum endgültig einstellt und die Fortsetzung im nächsten Jahr aus Seitenknospen erfolgt, ist bekannt. Doch könnte man hier wohl auch eine gewisse Sympodialität schon von Blatt zu Blatt annehmen. Die anfängliche starke Abwinkelung eines jungen Sprossgliedes, das ja dann als "Seitenspross" aufzufassen wäre, würde ebenso dazu passen wie die zweizeilige Stellung der Blätter. Letztere entspricht ja ganz derjenigen der Blüten in einem klassich sympodialen Blütenstand wie etwa dem des Vergissmeinnichts und anderer Borraginaceen.
Hier also noch ein paar Tütenblätter, die durch ihre Zweispitzigkeit und z. T. vollständige Aufspaltung in zwei Blätter (Bild 3) der angedeuteten These noch etwas zusätzliches Fundament geben.

Schöne Weihnachten! - Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon abeja » 25.12.2013, 21:09

Hallo Manfrid,
ich habe eine ähnliche Erscheinung im Mai bei Lindenblättern gesehen, "zipfelige" Blätter, teils mehr teils weniger stark ausgeprägt bei einer Jungpflanze an einer schattigen Stelle im Wald (Hochrhein, ca. 300 m).
Vermutlich handelt es sich dort um Tilia × europaea (Tilia × vulgaris), da die Blattmerkmale weder zur Sommerlinde noch zur Winterlinde hundertprozentig passen. Genaue Knospenmerkmale und Zwergmerkmale habe ich mir damals bei dem Exemplar nicht angeschaut, aber andere Jungpflanzen im Wald (wo ich bessere Detailaufnahmen habe, deuten meist auf die Hybridlinde hin.)
Noch einmal im ganzen Jahr habe ich ähnliche Blätter bei einer anderen Jungpflanze gesehen aber keinerlei Vergleichsbilder im Web dazu gefunden.
Würde diese Blattform zu deiner Theorie passen ?
Linde hat ja auch sympodialen Wuchs.
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 26.12.2013, 00:01

Hallo Abeja,

das sieht natürlich durch den vorhandenen und dominanten Mittellappen anders aus als die gezeigten zweiteiligen Ulmenblätter. Erinnert an die mit unseren Linden ja wirklich verwandte Zimmerlinde, Sparmannia africana. Aber letzten Endes sind gelappte Blätter ja auch ein Indiz für Vielheit in der Einheit. Und dass die Tendenz zur Lappung mit dem Stagnieren des Sprosswachstums zunimmt, hat sie mit der Tendenz zur Tütenblattbildung gemeinsam (Hier wollte ich eigentlich ein Bild eines (normalen) Bergulmenzweiges mit mehrspitzigen Endblättern zur Illustration zeigen, aber mein CD-Laufwerk scheint hin zu sein.). In beiden Fällen nimmt eben der Sprosscharakter des einzelnen Blattes kompensativ zu, während der Spross selber durch Beendigung seines Wachstums sozusagen Blattcharakter annimmt. Oder vielleicht auch umgekehrt: die immer üppigere Blatt-Ausgestaltung führt zur Stagnation des Sprosswachstums, zum Verhungern der Spitze. (Da gibt es z. B. in der Gattung Sinningia Extrembeispiele: S. defoliata, S. helioana, S. tuberosa, S. spec. 'Pancas'.)
Jedenfalls sind Deine "Zimmerlinden" ein interessanter Fund, den ich durchaus als Brückenschlag auffassen würde, der zeigt, dass sich die im Prinzip gleiche Sache auch anders ausgestalten kann. (Mich hätte mal interessiert, wie die zu diesen Blättern gehörige Blattstellung war. Noch zweizeilig? Oder spiralig wie bei der wirklichen Sparmannia? Aber das lässt sich vielleicht nicht mehr herausfinden.)

Einen schönen Weihnachtsgruß! - Manfrid

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon abeja » 26.12.2013, 18:15

Hallo Manfrid,
zur Blattstellung der seltsamen Linde kann ich leider nichts Eindeutiges sagen, ich habe mir noch mal die Originalbilder angeschaut. An zwei Stellen sieht man benachbarte Knospen, scheinbar zweizeilig.
Die "Zipfeligkeit" gibt es ja nicht nur bei verwandten Gattungen, sondern auch bei einer anderen Lindenart: Tilia mongolica
http://www.baumkunde.de/Tilia_mongolica/

Nur bei den einheimischen Bäumen war mir noch nichts dergleichen aufgefallen.

Wenn dein CD-Rom spinnt, dann kann ich ein Bild von "normalzipfeligen" Bergulmen-Blättern beitragen.
Dieses Bild habe ich am gleichen Tag, am gleichen Weg wie die Lindenbilder gemacht. Es handelt sich wiederum um eine Jungpflanze.
Bei der Gelegenheit habe ich nochmal in diesem Dokument über Ulmen nachgelesen.
http://www.ulmen-handbuch.de/handbuch/u ... labra.html
http://www.ulmen-handbuch.de/handbuch/u ... rnuta.html
Meine Frage war damals, ob es sich um die "Normalform" (innerhalb der normalen Varietät) handelt oder vielleicht um eine verwilderte Ulmus glabra 'Cornuta' (bzw. eine Form, aus der 'Cornuta' selektiert worden ist).
Dort sollen einerseits bei der überwiegenden Zahl der Blätter die Anzahl der Seitenzipfel größer als bei der Normalform sein (könnte hier der Fall sein) und andererseits die Seitenzipfel länger als der mittlere Zipfel sein (ist hier nicht gegeben, allerdings auch nicht im Wiki-Bild, das 'Cornuta' zeigen soll).

Auffällig bei meinem Bild auch der so gut wie nicht vorhandene Blattstiel und der fast symmetrische Blattspreitengrund (es handelt sich aber eben noch um nicht ganz ausgestaltete Frühlings-Blätter an einer Jungpflanze).
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Viele Grüße von abeja

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 26.12.2013, 23:11

Hallo Abeja,

Laufwerk geht wieder (Toi, toi toi!), aber Du hast exakt gezeigt, was ich auch zeigen wollte.

Da Du bei obiger Linde mit der Artbestimmung nicht sicher bist: möglicherweise ist die gelappte Blattform da ebenfalls ein Bastardierungseffekt (Heterosis), also ein Zeichen vergrößerter vegetativer Üppigkeit. Es kommen bei Kreuzungen ja nicht immer nur intermediäre, zwischen denen der Elternarten vermittelnde Merkmale heraus.

Danke auch für den Hinweis auf Tilia mongolica, die ich noch nicht kannte!

Und hier nochmal ein anderer Hinweis auf die Potenz zum Hervorbringen weiterer Blätter am Knoten bei einer Art mit zweizeilig gestellten Blättern und sympodialem Wuchs: der Esskastanie (Die roten Pfeile deuten auf die "Doppelknoten" bzw. die Basis der Zusatzblätter, der gelbe zeigt auf die Narbe des abgeworfenen Sprossendes.) Solche Zusatzblätter, gelegentlich auch Zusatzknospen ohne Tragblatt, fand ich bei den Kastanien im Bergell ziemlich häufig.

Freundliche Grüße! - Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 27.12.2013, 14:00

Hallo, Abeja,

Du schriebst gestern, dass Du die zipfeligen Ulmenblätter am gleichen Tag und Ort gefunden hast wie die der Linde. Ich habe die Tütenblätter an einer jungen Linde, von denen ich eins oben gezeigt habe, und die Schildblätter an gleich mehreren Haselnusssträuchern ebenfalls gleichzeitig am selben Fleck (Brenzufer in Heidenheim) gefunden, nachdem ich wirklich schon ein paar Jahre nach dergleichen Ausschau gehalten habe. (Ich wusste aus der Literatur davon.) Also, vielleicht spielen die lokalen und jahresklimatischen Verhältnisse da durchaus eine Rolle beim Zustandekommen von dergleichen. Das wäre interessant. Aber der Versuch einer wirklichen morphologischen Interpretation würde durch das Herausfinden äußerer Entstehungsursachen natürlich genauso wenig überflüssig werden, wie durch eine Klärung eventueller erblicher Verschiedenheiten (Unterart, Bastard etc.).

Zu den sehr kurzen Blattstielen und dem symmetrischen Spreitengrund bei Ulmus glabra: das findet sich auch an ausgewachsenen Blättern öfter. Allerdings ist es auch mir hauptsächlich an noch strauchigen und recht wüchsigen Jungpflanzen aufgefallen.

Freundliche Grüße! - Manfrid

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 28.12.2013, 23:31

Hallo,

hier mal noch ein altes Bild von einem zweispitzigen Tütenblatt beim Oleander. Schlecht zu erkennen: es steht in der Achsel eines Tragblattes und vertritt somit einen Seitentrieb - anders als die oben gezeigten Tütenblätter von Linde, Hasel und Ulme.

Freundliche Grüße! - Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 02.01.2014, 01:09

Viel Glück im Neuen Jahr allerseits!

Passend zum Datum und wohl auch zum Thema ein paar Abweichungen von der Norm beim Neujahrs-Glücksklee. Oben erstmal zwei normale vierfiedrige Blätter; links eins von der Oberseite, rechts eins von der Unterseite, wobei man hier die charakteristische Asymmetrie der Rotfärbung bei den beiden seitlichen Fiedern sieht. Jeweils nach unten weist diejenige Fieder, die nach W. Trolls ("Vergleichende Morphologie...") wohl berechtigter Auffassung der "Querzone" bei einem Schild- bzw. Tütenblatt entspricht - also der Blattspreiten-Zone, die der Blattspitze gegenüber liegt und den sonst offenen Übergang vom Blattstiel in die Hauptader (Rhachis) überbrückt.

Diese Fieder kann sich nun unter Umständen etwas verspätet entwickeln, ganz wegfallen (Keine Sorge! Ein drei-fiedriges Glücksklee-Blatt bringt noch viel mehr Glück.), teils ein kurzes Stielchen ausbilden. All das spricht meines Erachtens für eine Tendenz bei dieser Fieder, sich als jüngeres, eigenständiges Blättchen zu verselbständigen. Auch das würde auf wieder etwas andere Weise als die früher gezeigten Tütenblätter eine gewisse Sprossnatur zunächst der Tütenblätter selber und letztlich wohl aller Blätter verraten.

Freundliche Grüße! - Manfrid
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon dragis » 02.04.2014, 19:43

Vielleicht passt das "gefüllte" Leberblümchen auch hier dazu?

Liebe Grüße,
dragis
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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 02.04.2014, 21:01

Hallo,

passt schon. Draußen im Wald gefunden?

Gruß! - Manfrid

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon dragis » 03.04.2014, 07:59

Oh, Entschuldigung, das habe ich vergessen. :(
Die Pflanze fand ich gestern in der Salzachau, in der Nähe von Hallein. Mitten unter den "normalen" stand ein Stock mit gefüllten Blüten.

Liebe Grüße, dragis

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Re: Aberrationen/Anomalien

Beitragvon Manfrid » 03.04.2014, 21:27

Hallo,

sehr fein! Nichts gegen Züchtungen im Garten, aber wenn man sowas draußen findet, unterstreicht es doch, dass auch die Züchtungen natürlich sind (vgl. auch den Ranunculus montanus oben).

Gruß! - Manfrid


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